Archiv des Autors: karinwohlfart

Wut (eins)

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Sie sitzt alleine an einem kleinen Tisch in einem großen Saal. Ein Füller, ein Blatt mit Fragen und ein Stapel weißer Bögen liegen vor ihr. In aller Ruhe liest sie die Fragen. Erst wird ihr heiß, dann wird ihr kalt. Mit beiden Händen hält sie sich am Tisch fest. Blut pumpt durch die Schläfen, das Gesicht wird rot, der Gaumen trocken. Sie nimmt den Stift, will schreiben, muss schreiben. Nur dafür ist sie hergekommen.


Gleich wird ihr etwas einfallen. Gleich wird sie auf ihr Wissen stoßen, gleich wird der Geistesblitz da sein. Sie schwitzt nicht, nein, die Hände sind gar nicht feucht, regelrecht kalt ist ihr an diesem Sommertag. Das Gehirn ist ein Klumpen. Falls es in diesem Kopf je einen klugen Gedanken gegeben hat: Er ist weg. Da müssten drei Fragen zu drei Themen stehen, tatsächlich sind es drei Fragen zu zwei Themen. Er hat sich anders entschieden. Das Thema, auf das sie gelernt hat, fehlt. Fehlt.


Schuster, bleib bei deinem Leisten: Warum um Himmels willen hatte sie studieren wollen? Nach der Vorstellung der Eltern wäre sie Ehefrau und Mutter geworden. In den Augen des Professors taugte sie, die Tochter des Schreiners, nicht für die Uni. Taugte nicht.


Dem Professor den Hund vergiften. Dem Professor die Reifen seines Autos aufschlitzen. Ihn auf dem Zebrastreifen vor dem Institut überfahren. Oder ihm – Zack! – den Schwanz abschneiden, diesem elitären, frauenverachtenden Geschichtsverdreher. Diesem vertrockneten Bücherwurm. Diesem verstaubten.


Wenn sie sich nur fortwünschen, wenn sie sich wie die Jeannie wegbeamen könnte, weg von diesem Tisch, weg von diesem bedrohlichen Berg leerer, weißer Blätter. Leer und weiß.


Dann schreibt sie doch. Und steckt den Stift in seine Hülle, nimmt ihre Tasche, steht auf und geht zum Tisch der Prüfungsaufsicht. Sie gibt einen Bogen ab, ein Blatt Papier mit dem Briefkopf des Seminars für Neuere Geschichte. Darunter steht nun ihr Name.

Und darunter steht: Hund vergiften. Reifen aufschlitzen. Umnieten. Zebrastreifen. Schwanz ab. Zack!

Ausschnitt aus „Die ekstatische Jungfrau Anna Katharina Emmerick“ von Gabriel von Max, 1885
(gesehen und fotografiert in der Kunsthalle Mannheim)

Ottos Ende

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Manchmal nachmittags, wenn die Küche blitzblank sauber war, zog die Großmutter die Schürze aus, ein frisches Kleid an und ging mit der Bürste kurz durch die dünnen dauergewellten Haare. Dann stand ein Höhepunkt im ansonsten recht gleichförmigen Leben der Großmutter an.
»Darf ich mit«, fragte sie dann die Großmutter, obwohl sie genau wusste, dass die Großmutter sie mitnehmen würde, weil sie sie mitnehmen musste. Wo hätte sie sie auch lassen sollen. Die Großmutter holte das Fahrrad aus der Garage, die eigentlich keine Garage war, denn ein Auto hatten die Großeltern gar nie besessen. An den Lenker hängte sie die große Tasche, so dass das Fahrrad ein bisschen Schlagseite hatte und von der Großmutter im Gleichgewicht gehalten werden musste. Denn wie immer schob die Großmutter ihr Rad, das sie kaum überragte. Sie selbst, die sie gerade sieben geworden war und im Herbst endlich in die Schule kommen würde, stakste mit ihren langen dünnen Beinen nebenher. Eine längere Strecke lag vor ihnen. Erst kam man am Edeka-Barsch, dann an der Mangelstube von Frau Stegmaier vorbei. Immer wieder grüßte die Großmutter Menschen, die »Grüß Gott Frau Knödler« zu ihr sagten, die sie vom Einkaufen beim Barsch, vom gemeinsamen Mangeln der Bettwäsche oder aus dem Geißenzuchtverein kannte. Stehen blieb sie aber gar nie. Der Großvater züchtete längst keine Ziegen mehr, hatte nur noch Hühner und Hasen hinter dem Haus mit den drei Mietpartien, aber die Mitgliedschaft im Verein, der alljährliche Wandkalender mit den prämierten Tieren und die zweitägige Busreise zu Sehenswürdigkeiten und die Geselligkeit waren ihm nach wie vor wichtig. Die Großmutter dagegen legte weder Wert auf den Kalender noch auf diese Ausflüge. Sie blieb lieber daheim.
Am Ende der langen Straße mussten sie den Berg hinauf, die Großmutter schob das Fahrrad langsam bergan und schnaufte heftig. Die Mühe sollte belohnt werden: Frau Kratochwill hatte Kaffee gekocht. Frisch gebrühter Kaffee in einer goldgeränderten Kaffeekanne stand auf dem Tisch, dazu passende Tassen mit Goldrand und Rosendekor. Es gab auch Kuchen. Zu Frau Kratochwill ging man aber nicht, um Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Man ging zu ihr, um in den Ottokatalogen und in den Neckermannkatalogen zu blättern, um dies und das zu vergleichen, um sich Rat zu holen, schließlich eine Wahl zu treffen und zu bestellen. Frau Kratochwill betrieb in ihrem Esszimmer eine Bestellagentur. Da man aber nicht mit der Tür ins Haus fallen wollte, saß man erst einmal gemütlich am Tisch und trank Kaffee, Frau Kratochwill rauchte eine Zigarette dazu.
Sie selbst wollte gerne dabei bleiben, wenn die erwachsenen Frauen über Farben und Größen fachsimpelten, den Kuchen aber mochte sie nicht und für Kaffee war sie zu klein. »Geh doch ein bisschen spielen«. Man sagte ihr nicht, was sie spielen sollte und auch nicht, womit. Gerne hätte sie einen der Kataloge mit nach draußen genommen, hätte darin geblättert und die eine oder andere Dame in einem schicken Kostüm und mit blonden hochtoupierten Haaren ausgeschnitten und zuhause in ein Heft geklebt.
Sie bekam aber nur ein Glas süßen Sprudel in die Hand gedrückt und wurde nach draußen in den Garten geschickt. Da war es langweilig, so alleine, ein bisschen unheimlich war es auch, weil das Haus keine Nachbarn hatte und am Waldrand stand. Sie streifte ziellos umher, sammelte Blätter und Blüten und dachte sich aus, was sie alles bestellen würde, wenn sie größer wäre und Geld hätte. Da waren schöne Puppen mit blauen Augen und langen blonden Haaren in den Katalogen. Zuhause hatte sie Elsa, die sie gerne mochte, aber die leider keine Haare hatte. Und Paula, die schwarzes Haar hatte, das man zusammenbinden konnte, und die die Augen auf- und zu machen konnte, aber leider ein bisschen klein war. Die im Katalog sahen viel größer und echter aus als die dicke Elsa und kleine Paula, die sie von der Großmutter zu Weihnachten vor einem Jahr und zu Weihnachten vor zwei Jahren bekommen hatte. Gerne hätte sie neue Kleider für Elsa und Paula ausgesucht und Frau Kratochwill den Auftrag gegeben, diese für sie zu bestellen. Bis jetzt mussten die beiden die Sachen auftragen, die die Großmutter für sie genäht hatte. Wenigstens roch es da draußen nicht nach Katzen und nicht nach Zigarettenrauch, und sie musste sich nicht einen Platz suchen zwischen den ganzen Hemden, Hosen, Kleidern, Nachthemden, Schuhabstreifern, Küchenmaschinen und den vielen anderen Dingen, die das Esszimmer von Frau Kratochwill füllten. Es gab immer ein großes Durcheinander von Waren, die noch in Papier eingeschlagen oder bereits ausgepackt waren. Das Papier lag achtlos daneben oder zerknüllt auf dem Boden. Bevor man sich zu Kaffee und Kuchen an den Tisch setzen konnte, galt es erst einmal einen Stuhl und manchmal sogar ein Stück des Tisches frei zu räumen. Die Kataloge und die daraus stammenden Dinge lagen wirklich überall herum. Und dann noch Maßbänder, um Körperumfang und Busen der Kundinnen abzumessen und die richtige Größe zu ermitteln. Und Stecknadeln für den Fall, dass etwas geändert werden musste. Frau Kratochwill konnte an ihrer Nähmaschine ganz schnell etwas enger oder kürzer machen, das war eine Art kostenloser Extraservice. Nicht zu vergessen all die Katzen, die auch überall herumlagen, auf den freien Stühlen, dem Sofa, den Bestellungen. Sie wusste gar nicht, warum die Großen sie nicht dabei haben wollten, denn geredet wurde eigentlich nicht viel. Frau Kratochwill fragte die Großmutter ein ums andere Mal »wie geht es Ihnen denn?«. Und wie dem Mann und wie den Kindern? Die Großmutter antwortete dann »gut«, so wie sie immer antwortete.
Manchmal, wenn man ihre Anwesenheit vergessen hatte, blieb sie, setzte sich zu den Katzen aufs Sofa und blätterte in den Katalogen mit den schönen Menschen und den schönen Sachen, und sie wusste genau, was sie sich wünschen würde, wenn man sie fragen würde. Aber sie wurde nicht gefragt, denn die Großmutter war in eigener Sache da. Heimlich schaute sie dabei zu, wie die Großmutter und die anderen Frauen sich hinter den Paravent quetschten, der in einer Ecke des Esszimmers stand. Denn da konnte man, wenn man wollte, alles anprobieren und gemeinsam mit Frau Kratochwill begutachten.
»Oh, wie schön Sie aussehen«, sagte Frau Kratochwill dann oder »die Farbe steht Ihnen aber besonders gut« oder »das passt ja wie angegossen«.
Ob die Großmutter für den Besuch bei Frau Kratochwill ein bisschen zusätzliches Geld von dem Großvater bekam oder ob sie es sich vom Haushaltsgeld abgespart hatte, indem sie ein bisschen weniger Wurst gekauft oder doch immer wieder auf Sonderangebote beim Barsch zurückgegriffen hatte, wusste sie nicht. Dass der Großmutter kein eigenes Geld zur Verfügung stand, weil der Großvater der Verdiener und Bestimmer war, das wusste sie schon.
Jedenfalls bestellte die Großmutter sich dann und wann ein Kleid, eine Schürze, ein Nachthemd oder einen BH oder einen Satz weiße Unterhosen. Sie hatte aber auch beobachtet, dass die Großmutter manchmal zu Frau Kratochwill ging, wenn sie gar kein Geld hatte und nicht bestellen wollte, einfach nur, um in den Katalogen zu blättern. Oder um Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Nein, um einmal bedient zu werden. Und um Gesellschaft zu haben.
Genau genommen besaß die Großmutter zwei Kleider, die im Schnitt identisch waren. Modell Sieglinde von Otto, Bestellnummer 3.011 aus der Abteilung Damenoberbekleidung, große Größen. Eines war braun mit kleinen hellblauen Blümchen und eines hellblau mit kleinen braunen Blümchen.
Ersteres, das braune mit den hellblauen Blümchen, trug sie unter der Woche, aber nur, wenn sie das Haus verlies. Um zum Barsch, zur Mangelstube oder zu Frau Kratochwill zu gehen. Man sagte, es sei pflegeleicht. Das andere, das hellblaue mit den braunen Blümchen, trug sie am Sonntag. Da verließ sie zwar nicht das Haus, aber da kamen andere zu ihr, um sich an ihren Tisch zu setzen und Kaffee zu trinken und den selbst gebackenen Kuchen zu essen. Weil es hellblau war, galt es als freundliches Kleid. Pflegeleicht war es sowieso. Sonntags steckte sie sich eine kleine goldene Brosche an den großen Busen. Beide Kleider, das werktägliche und das sonntägliche, konnte man von Hand waschen, und sie waren blitzschnell wieder trocken. Die Kittelschürzen, die sie werktags anstelle des Kleides trug, wenn sie das Haus nicht verließ, um zum Barsch, zur Mangel oder zu Frau Kratochwill zu gehen, waren braun mit kleinen hellblauen Blümchen oder hellblau mit kleinen braunen Blümchen. Während alle Kleider kurze Ärmel hatten, die Großmutter trug sie auch im Winter mit einer dünnen Strickjacke darüber, waren die Schürzen ärmellos. Die Bewegungsfreiheit musste immer gewährleistet sein. Wenn sie die Kochwäsche im Topf auf dem Gasherd mit einem großen Holzlöffel umdrehte. Wenn sie den Hefeteig für das Blech voll Apfel- oder Zwetschgenkuchen schlug. Wenn sie für ihre Maultaschen Rindfleisch, Spinat und Rauchfleisch durch den Wolf kurbelte. Wenn sie Berge von Kartoffelsalat fabrizierte. Wenn sie die vielen Früchte aus dem Garten hinter dem Haus, für deren Ernte der Großvater zuständig war, verarbeitete. Entweder sie wurden in Weckgläsern mit Zuckerwasser eingemacht oder zu süßer Marmelade verkocht. Wenn sie die Fenster, die immer blitzen mussten, putzte und den Steinboden ihrer kleinen Küche wischte. Kalt wurde es der Großmutter gar nie. Weil die Schürzen in die große Wäsche gehörten und seltener gewaschen wurden, hatte sie vier davon.
Ob die Großmutter Blümchen mochte oder ob die Blümchen ihrer Körperfülle und der Größe 52 geschuldet waren, vermochte sie nicht zu sagen. Sie kannte die Großmutter nur so, in Braun und Hellblau. Und nur mit Blümchen.
Wenn eines der Kleider ersetzt werden musste, weil es durch war und die finanzielle Situation es erlaubte, besuchte man Frau Kratochwill, bestellte aus dem Katalog, um ein, zwei Wochen später noch einmal hinzugehen.
Frau Kratochwill hatte Telefon, die Großeltern aber nicht. Also ging die Großmutter auf gut Glück hin, mit dem Ziel, Kaffee zu trinken, Kuchen zu essen, die bestellte Ware auszupacken und vor Ort anzuprobieren. Vielleicht hoffte sie sogar darauf, dass sie den Weg vergeblich machen würde. Denn wenn das Bestellte noch nicht eingetroffen war, würde sie das Fahrrad einfach ein weiteres Mal den Berg hinaufschieben.
Alle Kleider kamen von Otto. Schürzen und Unterwäsche und Nachthemden von Neckermann. Die Unterhosen und Unterhemden passten immer. Gefiel oder passte aber das neue Kleid nicht, was eher unwahrscheinlich war, da es sich ja immer um das Modell Sieglinde von Otto, Bestellnummer 3.011, aus der Katalogabteilung Damenoberbekleidung, große Größen, in Größe 52 handelte, war dies ein großes Glück. Dann schickte Frau Kratochwill das Kleid zurück und orderte ein neues, und man bekam ein weiteres Mal die Gelegenheit, Kaffee plus Kuchen in Anspruch zu nehmen. Passten aber die Sachen, schrieb Frau Kratochwill handschriftlich alle Posten auf einen Zettel, machte einen Strich darunter und rechnete zusammen. Die Großmutter schaute gar nicht hin und zahlte in bar. Damit war der Einkauf beendet. Waren noch andere Frauen da, gab es manchmal ein Gläschen Eierlikör. Dann wurde Auspacken, Anprobieren und Bezahlen zum Fest. Ganz nebenbei wurde auch noch Lesestoff getauscht.
Die Großmutter war in unbeobachteten Momenten eine große Leserin. Wann immer es ging, zog sie sich in das sogenannte »dritte Zimmer«, es war das ehemalige Kinderzimmer in der Dreizimmer-Wohnung der Großeltern, zurück. Dieses Zimmer, das jetzt Nähzimmer, Badezimmer und Gästezimmer in einem war. Und Lesezimmer. Da auf dem Gästebett, das zum Sofa zusammengeklappt war, und auf dem gar nie ein Gast übernachtet hatte, machte sie sich es bequem und schmökerte in ihren Romanen. Da gab es Liebes- und Arztromane vom Bastei-, Pabel-, Moewig- oder Kelterverlag, die sie verschlang, obwohl sie sich mit der Liebe nicht auskannte und Ärzte gar nicht mochte. Sobald so ein Heftle ausgelesen war, verschwand es in der großen Tasche und wurde bei nächster Gelegenheit gegen ein neues Schicksal eingetauscht.
Der Großvater sah die Besuche bei Frau Kratochwill nicht gerne. Nicht weil er fand, dass die Großmutter zu viel Geld für sich und ihr Aussehen ausgab, sondern, weil er nicht gerne sah, dass sie aus dem Haus ging und sich mit anderen amüsierte. Sie sollte zuhause sein, wann immer er nach Hause kam. In seinen Augen war sie eine Hausfrau und damit für den Haushalt zuständig. Außerdem hieß es allgemein, die Kratochwill sei geschäftstüchtig und würde die Kundschaft bescheißen, auch sähe sie aus wie eine Hexe mit den rotgefärbten Haaren und der spitzen Nase. Außerdem rauche sie und das gehöre sich nicht für eine Frau. Und ein »Flichtling, mit dem Rucksack gekommen«, sei sie auch noch. Und dann seien da noch die Katzen, die auf den neuen Sachen herumlägen, das könne man doch niemanden zumuten. Noch nicht einmal der Kuchen sei selbst gebacken, die könne ja gar nicht backen, diese Hexe, dieses Flüchtlingsweib. Und dieser ewige Zitronenkuchen mit Zuckerglasur stamme doch vom Barsch, sei bestimmt ein Sonderangebot oder ein Ladenhüter. Trocken und alt.
Die Großmutter störte dies alles nicht. Ihr war es wichtig, dass man freundlich zu ihr war, dass sich jemand um sie kümmerte. Dass man sie als Kundin ernst nahm. Sie genoss es, so etwas wie eine Freundin zu haben, auch wenn die beiden immer »Sie« zueinander sagten, »Frau Kratochwill« und »Frau Knödler«, und es nie eine Begegnung außerhalb der Bestellagentur gab. Auch mit den anderen Frauen nicht.
Sie konnte sich immer darauf verlassen, dass der Besuch bei Frau Kratochwill sich nicht zu lange hinziehen würde, denn das Abendessen für den Großvater musste pünktlich um fünf auf dem Tisch stehen. Auf dem Rückweg ging es zwar bergab, aber der Fußmarsch musste trotzdem gut kalkuliert sein. Die Tasche am Lenker war nicht leichter geworden – und die Großmutter auch nicht.
Jetzt, fünfzig Jahre später, gab Otto bekannt, dass der Katalog Frühjahr/Sommer 2019 der allerletzte sein wird. Neckermann hatte diesen Schritt bereits 2012 getan. Den Otto-Katalog, die Konsumbibel, in der man stundenlang blättern konnte, den Inbegriff aller materieller Sehnsüchte, gab es 68 Jahre lang. Er hat die Großmutter, Frau Kratochwill und die anderen Frauen nach dem Krieg in die Moderne begleitet. Er hat sie überlebt. Der von Otto erfundene Rechnungskauf hatte die Bestellagentur überhaupt erst möglich gemacht. Vorbei. Für immer vorbei. Bestellungen bei Otto in Zukunft nur noch online. Jeder ist heute seine eigene Bestellagentur: Anklicken, in den Warenkorb schieben, mit Kreditkarte bezahlen, das Paket vom DHL-Man an der Haustüre in Empfang nehmen. Für Neukunden gibt es den »Neukunden-Code«, 15 Euro Rabatt und eine »gratis Liefer-Flat«. Da steht man dann alleine vor dem Spiegel, kein Mensch sagt einem, dass das Kleid gut sitzt oder dass man es schnell noch ein bisschen abändern kann. Niemand steht mit Maßband und Stecknadeln bereit. Niemand kocht Kaffee. Niemand serviert Zitronenkuchen. Kein Austausch von Schicksalsromanen, in denen Schwester Angela im letzten Augenblick ihr Glück findet. Die Entscheidung fällt einsam, man behält das Kleid oder schickt es zurück. Dann bringt der DHL-Mann die Retoure wieder zurück nach Hamburg. Man hätte aber genau so gut bei Amazon oder Zalando oder anderswo bestellen können. Genau so anonym, genau so beliebig.
Sie stellte sich vor, wie die Großmutter und ihre Frau Kratochwill sich im Grab umdrehten.

Wien, 2019
Stuttgarter Zeitung vom 23.04.2021
Stuttgarter Zeitung vom 04.11.2021

Kürzestbiographie

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Am Anfang kämpfte sie gegen das allumfassende Himmelblau.
Dann gegen Chemie und Physik.
Dann gegen einen Geschichtsprofessor, dem sie nicht passte.
Dann gegen Arbeitgeber, denen sie zu sehr passte.
Dann gegen die Übermacht der Krankheit.
Dann kam einer, mit dem sie gemeinsam kämpfte.
Und feierte.
Das Leben.

Entleeren

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Die Worte fließen lassen. Entleeren, aufräumen, auf eine andere Ebene kommen. Den eigenen Kritiker, der tief innen drin sitzt, zum Schweigen bringen. Den eigenen Ansprüchen genügen. Mut fassen. Aus der Haut und wieder hinein fahren. Den richtigen Ton finden. Sich nicht an den anderen messen. Kurven drehen und immer wieder zu sich zurückkehren und bei sich bleiben.

Vienna calling

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Wien. Sie fahren nach Wien. Wann und wie oft ist sie schon in der österreichischen Hauptstadt gewesen? Sie sucht nach Erinnerungen. Bruchstückhaft kommen die zurück. Es muss drei Male gewesen sein. Ja, drei Mal in ihrem Leben war sie bislang da.

Als Kind.
Sie muss sechs, sieben Jahre alt gewesen sein, war noch kein Schulkind. Ihre Eltern, die nie mit ihr in den Urlaub fuhren, weil sie hierfür weder Geld noch Zeit hatten, und weil sie nicht wussten, wie man sich erholt, und weil sie sich für Fremdes erst gar nicht interessierten. Wenn sie doch einmal weggefahren sind – sie meinte, sich zu erinnern, dass sie einmal nach Kärnten gefahren sind -, nahmen sie nur den kleinen Bruder mit. Angeblich, weil sie ihnen immer das Auto vollkotzte. Und ein schickes, sauberes Auto war mit das Wichtigste für den Vater. Selbst wenn die Familie gerade wenig Geld hatte, ein neues Auto stand fast immer vor dem Haus. Irgendwann ist die Mutter auf die Idee gekommen, den kleinen Bruder und sie für wenig Geld alleine in die Ferien zu schicken. Über dieses Projekt hatte sie wahrscheinlich nicht allzu viel nachgedacht, sonst hätte sie die beiden Kinder vielleicht gemeinsam verschickt. Denn so hieß das damals: Verschickung. Es hat sich wohl niemand viele Gedanken gemacht, oder aber man dachte, der Kleine kann nicht so weit reisen, die Große schon. Für den kleinen Bruder wurde bei der Arbeiterwohlfahrt ein Ferienlager in Böblingen gebucht, für sie selbst ein Ferienlager bei Wien. Was sie mit der AWO zu tun hatten, die ja eigentlich eine Organisation für ärmere Arbeiterkinder war, weiß sie bis heute nicht. An den Aufenthalt kann sie sich für ihre Verhältnisse (sie kann sich an vieles aus ihrer Kindheit nicht mehr erinnern) ziemlich gut erinnern. Sie hatte sehr großes Heimweh und konnte das Essen nicht vertragen. Warum sie so großes Heimweh hatte, weiß sie nicht. Zuhause war es nicht schön. Es war auch niemand da, der sich gekümmert hätte, gerade in den Ferien mussten sie sich selber beschäftigen. Da gab es kein Ferienprogramm. Die Eltern mussten arbeiten, der kleine Bruder und sie wurden aufgefordert, mitzuhelfen oder in den Hof hinauszugehen. Auch zuhause war das Essen, das die Mutter kochte, eher bescheiden. Und doch war das Essen im Ferienlager viel schrecklicher, sie konnte es nicht vertragen: Alles war fettig, zu fettig. Sie wurde von den Aufsichtspersonen zum Essen gezwungen und konnte nichts bei sich behalten. Sie kann sich bis heute an den Geruch des Kaiserschmarrens erinnern, der vor Fett triefte und mit Roten Beten serviert wurde. Wenn sie sich übergeben musste, wurde sie zur Strafe aufs Zimmer geschickt. Viele Stunden hat sie da mit großem Heimweh und vielen Tränen im Bett verbracht. Auf einen Brief von daheim hat sie gewartet, auf eine Postkarte, einen Anruf. Zuhause war so eine Klingel außen ans Haus montiert, die laut klingelte, wenn das Telefon drinnen läutete. Dort im Heim gab es auf dem Hof genau so eine Klingel mit demselben Klingelton. Jedes Mal, wenn sie diesen hörte, war sie voller Hoffnung, dass es endlich die Mutter sein würde. Die Mutter hat natürlich nicht angerufen, schon gar nicht geschrieben. Und über ihren Zustand wurde keine Meldung gemacht. Ein Mal sind sie zum Stephansdom gefahren. Sie glaubt, die Stufen zur Turmspitze hinauf gestiegen zu sein. Für die Mutter hat sie eine Anstecknadel gekauft, auf der der Dom abgebildet war. Heute hat sie im Internet recherchiert und versucht, dieses Ferienheim wiederzufinden. Es ist ihr nicht gelungen. Unter Arbeiterwohlfahrt und Wien findet sich nichts. Und 1966 oder 1967 ist arg lang her.

Als Tochter.
Mit der Mutter ist sie einmal nach Berlin, einmal nach Rom und einmal nach Wien gefahren. Jeweils mit einer Gruppe von Behinderten. In welchem Jahr sie nach Wien gefahren sind, weiß sie nicht mehr. Es könnte Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger gewesen sein, kurz vor oder kurz nach dem Abitur. Was sie dort gemacht haben, erinnert sie ebenso wenig. In einem großen, teuren Hotel wohnten sie. Es lag an einer vielspurigen Straße, dem Ring. Sie konnte schlecht schlafen, weil sie mit der Mutter ein Doppelbett teilen musste, und weil das Zimmer auf die Straße hinaus ging. Für sie, die sie jung und ein Landei war, war dies alles sehr gewöhnungsbedürftig. Bestimmt haben sie viele Dinge angeschaut: Die Schlösser, den Prunk, den Wurstelprater, das Riesenrad, vielleicht auch noch einmal den Stephansdom. Sie weiß es aber nicht, hat keine Erinnerung, keine Bilder.

Als junge Studentin.
Blumenstr. 73/12 in Hernals. Nach langem Suchen hat sie sie heute wiedergefunden, die Adresse von Eva. In einem alten Kalender von 1986. Anfang der 80er Jahre ist sie mit Studienkolleginnen nach Wien zu einem Kongress gefahren. Sie durfte im VW-Bus mit Tübinger Lesben dorthin fahren, obwohl die sie, die Heterofrau, gar nicht mochten. Denn ja, sie goss ihren Garten nicht mit Menstruationsblut. Denn nein, sie liebte keine Frauen. Und überhaupt: Sie hatte keinen Garten. Mitfahren durfte sie nur, weil sie eine Studienkollegin von Miriam und Evelin war, die quasi für sie bürgten. An den Kongress selbst kann sie sich einfach nicht mehr erinnern. Auch dazu musste sie einen halben Nachmittag im Internet recherchieren, bis sie schließlich den richtigen Hinweis gefunden hat: Es war das 5. Historikerinnentreffen im April 1984 zum Thema „Die ungeschriebene Geschichte“. Übernachtet hat sie bei Eva, die sie von der Tübinger Uni kannte, wo diese ein paar Gastsemester lang studiert hatte. Eva bewohnte eine kleine Wohnung für sich alleine in einem großen Gebäude, typischer Wiener Sozialwohnungsbau, die Toilette draußen auf dem Flur. Ein Badezimmer gab es nicht. Eine andere Welt und so fremd wie das Hotel beim letzten Aufenthalt. Sie weiß noch, dass sie auf dem Sofa geschlafen hat. Eva hat ihr immer gut gefallen: Als eine große Frau mit Haaren, die nach oben wuchsen, hat sie sie in Erinnerung. Später, als sie selbst nicht mehr in Tübingen wohnte, ist sie sie einmal besuchen gekommen. Das muss ein, zwei Jahre später gewesen sein. Eva brachte einen Mann mit, einen Architekten, dessen allergrößte Freude es war, tote Tiere zu fotografieren. Am liebsten mochte er tote Vögel. Überfahrene Vögel. Sie mochte diesen Mann nicht und hat ihre Abneiung, das Nichtmögen auch gezeigt. Das war wohl taktisch nicht so geschickt, denn danach hat sie nichts mehr von Eva gehört. Noch ein einziges Mal, Jahre später, telefonierten sie miteinander, als Eva ihr Adressbuch auf den neusten Stand brachte. Da erzählte ihr Eva, dass sie jetzt beim Magazin Wiener arbeiten würde. Sie sicherten sich gegenseitig zu, dass sie Kontakt halten wollten. Es ist nichts daraus entstanden: Sie hatten sich verloren. Heute hat sie auch Eva im Internet wiedergefunden. Weil sie zu Fuß auf einem Pilgerweg, dem historischen Frankenweg, nach Rom gegangen ist und ihre Erfahrungen aufgeschrieben und zu einem Buch gemacht hat. Laut Klappentext lebt und arbeitet sie in Rom. Und sie ist jetzt Eva A. Auf dem Klappenfoto hat sie Eva zuerst nicht erkannt, dann aber meinte sie doch, Züge ihres Gesichtes wiederzuerkennen. Sie sah jetzt anders, älter aus. Sie trug eine schrecklich bunte Bluse, die sie damals niemals getragen hätte. Ja, Eva sah nicht mehr so aus wie damals. Sie hatte wenig Ähnlichkeit mit der großen, stolzen und stylishen Eva von damals. Kein Wunder, schließlich waren fast dreißig Jahre vergangen. Wer weiß, was sie alles erlebt hatte. Aber warum um Himmels willen war sie nach Rom gelaufen? Und warum trug sie diese Bluse? Schön wäre, ihr in Wien zu begegnen und ihr diese und andere Fragen zu stellen.

Roter Rollkragenpullover

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Man hatte wenig fotografiert damals, sie wußte nicht einmal, wer überhaupt eine Kamera besaß. Aber sie meinte zu wissen, dass sie auch deshalb nicht fotografiert wurde, weil man nicht viel Zeit mit ihr verbrachte. Und ein ausgesprochen schönes Kind war sie auch nicht.

Da sie nie einen Kindergarten besucht hatte, gab es von ihr auch nicht  die Bilder, auf denen sie mit den anderen halb nackten Kindern fröhlich im Schwimmbassin herumsprang. Solche Fotos gab es von dem kleinen Bruder. Von ihr gab es immerhin ein Schulbild. Eines, das die Eltern gekauft hatten. Ein Schwarz-Weiß-Bild, fotografiert vom Profifotografen, abgezogen auf dickem Papier, 13 mal 18 Zentimeter groß.

Darauf zu sehen war ein kleines Mädchen in einem handgestrickten Rollkragenpullover, glatt rechts. Farbe unbekannt. Sie vermutet, dass er rot war. Denn rot waren damals alle ihre Sachen. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie die Mutter jemals mit Strickzeug gesehen hatte. Die hatte nicht stricken können, schon gar nicht so etwas Kompliziertes wie einen Pullover. Wo kam er also her, dieser Pullover, den sie an einem Tag in der ersten Klasse getragen hatte. Es war naheliegend, dass die Großmutter den Pullover gestrickt hatte, denn die beherrschte, wie alle anderen Hausarbeiten, auch das Stricken. Sie war immer Hausfrau gewesen und hatte dies von der Pike auf gelernt.

Später, als sie selbst in der zweiten und dritten Grundschulklasse im Handarbeitsunterricht stricken musste, hatte die Großmutter ihre Handarbeiten oft nachgebessert und manchmal aus Mitleid komplett übernommen. Sie fühlte sich dann so unbegabt wie die Mutter, die all diese Dinge nicht konnte.

Vielleicht hatte die Schule Fotos dieser Art anlässlich des ersten Schultags in Auftrag gegeben. Dann müsste da aber ein Kind mit einer Schultüte im Arm zu sehen sein. Hier aber saß ein Mädchen in einem Rollkragenpullover glatt rechts gestrickt, wahrscheinlich rot, vor einem aufgeschlagenen Buch. Eine Topfpflanze ragte von links ins Bild. Sehr wahrscheinlich war es nicht der erste Schultag.

Hier wurde im Klassenzimmer das Lesen und das allererste Lesebuch inszeniert. Sie selbst saß da in ihrem selbst gestrickten, wahrscheinlich roten Pullover und einer kleinen Uhr am rechten Armgelenk und würdigte das vor ihr liegende Buch keines Blickes.

Fibelbild

Stattdessen blickte sie in die Kamera, war ganz konzentriert auf den Akt des Fotografiertwerdens. Sieben Jahre war sie alt, sie war erst mit sieben eingeschult worden. Die Frisur sah so selbst gemacht aus wie der Pullover. Links waren die glatten Haare, die Großmutter nannte sie immer „fatzenglatt“, kürzer und endeten oberhalb des Ohrs, rechts waren sie etwas länger und gingen über das Ohr.

Der Pony war schief, wieder links kürzer als rechts. Wer hatte geschnitten? Die Großmutter jedenfalls, die eigentlich alles konnte, hatte nie Haare geschnitten. Man sah genau, dass einen Augenblick davor noch jemand mit einem Kamm und vielleicht mit Spucke nachgeholfen hatte. Das könnte die Großmutter gewesen sein. Weder hübsch noch glücklich sah das Schulkind aus, aber erwartungsvoll. Das wirklich bemerkenswerte an diesem Foto war, dass Geld dafür ausgegeben worden war, dass man Geld für ein Foto von einem Profi ausgegeben hatte. Für die Eltern waren normalerweise jedes Heft und jeder Stift ein Heft und ein Stift zu viel.

Das Gartenhaus

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Er hatte ein Loch in der Stirn. Man erzählte sich, dass er zu Fuß den langen Weg von Russland bis nach Hause gelaufen sei. Vielleicht war er auch im Güterwaggon gekommen. Von ihm selbst hat man es nicht erfahren. Nie erzählte er irgendetwas. Nie erfuhr man, ob auf ihn geschossen worden war. Nie, ob er getötet hatte. Geschweige denn, ob er Angst gehabt oder geweint hatte. Und wie war das Loch in seine Stirn gekommen? Ich durfte nicht fragen.

Nur aus den Erzählungen der Mutter wusste ich, dass der Großvater erst lange nach Ende des Krieges nach Hause gekommen war, völlig abgemagert in einem viel zu großen, schwarzen Ledermantel. Und mit dieser vernarbten Delle in der hohen Stirn.

Die beiden Brüder der Mutter kamen noch kurz vor dem Krieg auf die Welt, die Mutter selbst und eine Schwester waren im Heimaturlaub gezeugt und in Abwesenheit des Vaters geboren worden. Nach seiner Rückkehr machte der Großvater weitere Kinder, zwei Töchter und einen Sohn, so dass es insgesamt sieben waren. Eigentlich acht, aber eines ist bald nach der Geburt gestorben.

Er, der vor dem Krieg an einem Werktisch saß und Goldschmuck anfertigte und reparierte, arbeitete nach dem Krieg mit Hacke und Schaufel. Und auch diese Stelle beim städtischen Straßenbau hatte der Großvater nur bekommen, weil seine Familie kinderreich war.

Der Großvater bewirtschaftete einen Garten, den er von der Stadt gepachtet hatte. Er pflanzte Kartoffeln, Bohnen, Krautköpfe, gelbe Rüben, rote Beete, Kräuter und zu meinem großen Glück Erdbeeren an. Und es gab Apfel-, Zwetschgen- und Birnbäume. Und einen Quittenbaum. Dieser Garten hieß nicht Garten wie die Fläche hinter dem Haus, wo Salat, Beerensträuche und Blumen wuchsen. Er hieß »Gütle« und war ein paar Hundert Meter vom Haus entfernt und gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erreichen. Auch die Großmutter hätte dorthin radeln können, hat aber gar nie einen Fuß in diesen Garten gesetzt.

Da im Gütle gab es ein kleines gemauertes Haus. Es war drinnen mit Bildern aus der Praline und der Neuen Revue tapeziert. Frauen mit großen Busen, deren Brustwarzen nach oben zeigten, mit strahlend blauen Augen und langen blonden Haaren. Diese Frauen waren oben herum nackt, unten herum nur mit einem knappen Schlüpfer bekleidet.

Der Großvater hatte sie aus den Heften heraus gerissen, die er sich regelmäßig an der Tankstelle, ein paar Meter die Straße runter, holte. Solche Frauen gab es in meiner Familie nicht. Die Tanten und die Mutter waren braunhaarig und hatten kleine Brüste, die Großmutter war klein und füllig.

Obwohl ich die Lieblingsillustrierten des Großvaters, von denen die aktuellsten immer auf dem Couchtisch im Wohnzimmer auslagen, anschauen durfte, durfte ich das Gartenhaus nie betreten. Niemand außer ihm selbst ging da hinein. Er selbst aber verschwand darin und kam stundenlang nicht mehr heraus. Manchmal stellte ich mich auf die Zehenspitzen und schaute durch das kleine Fenster hinein. Viel konnte man nicht erkennen, denn die Scheiben waren schmutzig und voller Spinnweben.

Ein Tisch, ein Stuhl, eine leere Bierflasche, viele nackte Frauen.

Und er selbst saß am Tisch und hatte den Kopf auf die Tischplatte gelegt.

Busenheftle: Neue Revue Nr. 4/1970

AHA, AHA, AHA*

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Zwischen den Fingern, um die Daumen herum,

Hände waschen, Hände waschen.

Weg mit dem Virus, weg von mir.

Geh weg. Schleich di. Fick dich.

Viel Schaum und zweimal Happy Birthday.

Hahaha.

Die Seife geht aus.

Aus.

Hahaha.

Wo ist der Hausschlüssel.

Hab ich die Maske.

Ist der Einkaufswagen desinfiziert.

Die anderen.

Halten die Abstand, sind die gesund, machen die gut mit.

Ich lasse sie nicht an mich heran.

Weg von mir.

Hahaha.

Keine Nähe.

Selbstgewählt.

Fremdbestimmt.

Sich zurückziehen, sich abschotten.

Nicht gemeinsam essen, trinken, feiern,

nicht reisen.

Lockdown. Und noch ein Lockdown.

2020 eine Nullnummer. Aus dem Leben streichen.

Alte sterben wie Fliegen.

Junge fühlen sich unsterblich.

Rettung naht, der Impfstoff kommt.

Hahaha.

Alles wird gut.

Hahaha.

Klage nicht!

*Die Corona-Formel im Jahr 2020: AHA = Abstand + Hygiene + Alltagsmaske

Mit Maske im Zug nach München, Sommer 2020