Archiv für den Monat März 2022

Garten der Kindheit

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Der Weg ist weit, denn die Großeltern wohnen am Ende der ewig langen Straße. Weit, weil sie die lange Strecke zu Fuß gehen muss, wenn sie nach Schulschluss nicht nach Hause, sondern lieber zu den Großeltern will.

Einen großen Garten gibt es da, hinter dem Haus der Großeltern, mitten in der Stadt.

Man sagt ihr „Geh runter spielen“, dann lässt man sie einfach machen. Sie darf Parfum aus Rosenblütenblättern destillieren, sie darf sich Calendulablüten hinter das Ohr stecken. Dann schwimmt sie in einem Meer von Orange. Einem Meer ohne Duft. Sie neckt das Mohrle mit einem Wollknäuel an einer langen Schnur. Das Kätzchen versucht, das Knäuel zu fangen, jagt ihm hinterher, bis es sich verärgert abwendet. Da hilft auch kein „Mohrle komm, komm“ mehr. Manchmal liegt sie mit geschlossenen Augen einfach nur träumend im Gras. Sie träumt von Spielkameradinnen, die nach Rosen duften.

Es ist ein Garten voller Blumen.

Es ist ein Garten voller Obstbäume und Beerensträucher.

Erdbeeren, Himbeeren, Stachelbeeren, Träuble, die sie direkt in den Mund stecken darf. Roter Saft, der aus den Mundwinkeln auf die weiße Bluse hinunter tropft. Rote Flecke, die die Mutter nie wieder heraus waschen kann, noch nicht einmal mit Ariel. Sie wird Schimpfe bekommen. Die Stacheln um die dicken Stachelbeeren, die in die Finger pieksen, die machen ihr mehr Lust als Schmerz.

Die Erinnerung an diesen Garten verschmelzt heute mit Texten und Bildern von Heinrich Zille. Da in Berlin füttern einfache Leute ein Schwein auf ihrem Balkon und lassen es dick und fett werden, um dann einen Braten auf dem Tisch zu bekommen und nicht hungern zu müssen.

Die proletarischen Großeltern haben keinen Balkon, sie haben den großen Garten hinter dem Haus. Hier gibt es auch kein Schwein, dafür gibt es Hühner, Hasen und Ziegen, die der Großvater Geißen nennt. Ein Garten voller Tiere, ein Garten voller Obst und Beeren. Die Großmutter kocht alles ein. Dann kommt es auf den Teller und macht satt.

Und glücklich.

Dieser Garten meiner Kindheit ist ein Paradies.

Kotzen für den Frieden

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Da waren die Amis. Ja, man nannte sie „Amis“, die einfachen Soldaten, die GIs, die in den Barracks am Rande der Stadt wohnten. Die mit hoch rasierten Schädeln dienstlich im Kampfanzug und privat in Jeans und Holzfällerhemden in unseren Straßen unterwegs waren oder in den Cafés auf dem mittelalterlichen Marktplatz herumsaßen. Sie sollten wohl für Sicherheit sorgen, für die Sicherheit Deutschlands oder Europas oder der Welt oder vielleicht doch einfach nur für die Sicherheit Amerikas, so genau wusste man das nicht. Sie brachten also Sicherheit, aber auch Schoko-Erdbeer-Vanille-Milcheis in Pappbechern, die so riesig waren, dass ein kleines Kind hinein gepasst hätte, und Whiskey, Kokain und Heroin. Mitten hinein in meine schwäbische Heimatstadt. Wenn ich abends in engen Levisjeans und einem langen Hemd, das ich aus dem Schrank meines Vaters stibitzte, mit meinen Freundinnen ausging, und wenn ich mich auf eine Runde Billard oder mehr, ein bisschen knutschen und herumfingern, einließ, kostete mich der Abend keinen Pfennig. Bei einer meiner Freundinnen ging das schief, sie wurde gleich beim ersten Mal geschwängert und ging noch vor dem Abitur mit ihrem Jonny nach Amerika. Nur einmal habe ich sie wiedergesehen, da hingen vier rotznäsige Bälger an ihrem Rockzipfel. Und nicht zu vergessen: Ein paar Drogentote gab es auch.

Die Amis waren deshalb da, weil oberhalb der Stadt, direkt am Wald, die 56. Brigade mit ihren Pershing II Mittelstreckenraketen stationiert war. Und einmal, es muss im Sommer 1983 gewesen sein, fand da oben ein großes Camp gegen die atomare Aufrüstung statt. Der Dietmar Schönherr kam im Porsche angefahren, er sah wirklich gut aus, sein rotes Cabriolet auch. Als er den Commander McLane in der Raumpatrouille spielte, da hatten meine Eltern noch kein Fernsehgerät. Als er ein bisschen später mit der hübschen Dänin, die so einen lustigen Akzent hatte, die Show „Wünsch Dir was“ machte, da saß auch meine Familie begeistert vor dem neuen Schwarzweißfernseher. Ein bisschen war ich enttäuscht, denn die Vivi Bach saß nicht mit im Porsche. Aber der Heinrich Böll war da. Und der Walter Jens. Und der Günter Grass. Seine »Blechtrommel« hatte ich gerade erst gelesen. Und ganz viele amerikanische Soldaten und ganz viel deutsche Polizei. An der Sitzblockade – die Zufahrt zum US-Camp wurde blockiert – durfte eigentlich nur teilnehmen, wer vorher ein vierwöchiges Antigewalttraining absolviert hatte. Weil die Prominenz sich daran nicht gehalten hatte, war man mit deren Anwesenheit eigentlich nicht einverstanden. Gleichzeitig war man aber froh, dass sie da waren, weil sie ganz viele Zeitungs- und Fernsehleute im Schlepptau hatten. Ich selbst war ahnungslos dort hingekommen und fasziniert von all diesen Menschen, die genau wussten, was zu tun war. An der Sitzblockade durfte ich mangels Training und Berühmtheit nicht teilnehmen, ich wurde immer wieder zur Seite geschoben, weggeschubst, gar nicht beachtetet. Obwohl ich doch eine junge Studentin war, die auch etwas beitragen wollte zum Frieden in der Welt. Die Angst vor dem atomaren Krieg, die Angst vor diesem Präsidenten namens Ronald Reagan, der auch ein Schauspieler war, aber einer ohne Skrupel und mit großer Macht, hatte mich dort hingetrieben. Und die Angst vor den Russen mit ihren SS 20. Den „Russ“ mochte man fast noch weniger als den „Ami“. Denn der Großvater war erst spät und mit einem Loch im Kopf aus der Gefangenschaft zurückgekommen.

Kurz bevor es dunkel wurde, ging ich gemeinsam mit Ulrike, meiner alten Schulfreundin, die ich im Blockadedurcheinander immer wieder verloren und dann wiedergefunden hatte, bergab, noch einmal die 10 Kilometer zu Fuß, weil die Zufahrtsstraßen gesperrt waren. Und weil ich noch nicht nach Hause wollte, ging ich mit zu Ulrike. Beide waren wir schwer beeindruckt von dem, was wir gesehen und erlebt hatten. Heute hatten wir dieses Camp erstmals mit eigenen Augen gesehen, wussten jetzt, wie diese Raketen untergebracht waren. Hatten auch erfahren, dass die ständig im Wald hin und her bewegt, auf Lastwagen durch die Gegend gefahren wurden. Gleichzeitig waren wir aufgekratzt und überdreht, alberten herum, schwärmten für Commander McLane. Ulrike holte eine große Flasche aus ihrem Schrank und zwei Zahnputzbecher aus dem Bad. Es war die halbe Gallone Whiskey, die sie von der Familie Fairbanks für Babysitterdienste bekommen hatte. Bislang fehlte ihr die Idee, was sie mit dieser Flasche tun sollte. Dem Vater zu Weihnachten schenken? Das war eine echt riesige Flasche, und der Vater trank eigentlich kaum Alkohol, schon gar keinen Whiskey. Vielleicht mal einen Asbach Uralt, aber auch das nur an besonderen Tagen. Wir lebten in einer Garnisonsstadt und im PX-Store in der Kaserne, wo nur Armeeangehörige einkaufen durften, gab es vielerlei Dinge, die direkt aus den USA importiert wurden, und die wir gar nicht kannten. Nur beim alljährlichen deutsch-amerikanischen Volksfest kam man an diese riesigen Becher American Ice Cream.

Normalerweise hatten Ulrike und ich mit Alkohol oder Drogen nichts am Hut. Heute aber sollte dieses unbekannte Gesöff namens Jim Beam uns auf andere Gedanken bringen. Uns retten, vor den Raketen, vor den Amis, vor den Russen, vor dem Ende der Welt. Wir fingen an zu trinken, zögerlich am Anfang, denn das braune Zeug schmeckte wirklich ekelhaft. Wir schenkten die Zahnputzbecher trotzdem immer wieder nach. Bis Ulrike würgte und sich die Hand vor den Mund hielt. Jetzt musste es schnell gehen, sie schaffte es gerade noch bis zum Waschbecken im Badezimmer, die Toilette war unten und unerreichbar, und übergab sich. Dann kotzte auch ich mir die Seele aus dem Leib. Seite an Seite standen wir über das Waschbecken gebeugt und kotzten und husteten und rangen um Luft. Wir hatten den ganzen Tag nichts Richtiges gegessen und der Alkohol gab uns nun den Rest. Es stank fürchterlich und überall waren Spritzer, im Waschbecken, auf den Fliesen dahinter, auf dem flauschigen weißen Badvorleger. Auf den Knien und mit einem Waschlappen versuchten wir abwechselnd, die Spuren zu entfernen. Wir waren aber viel zu betrunken und zu zittrig, um mit dem Läppchen wirklich etwas auszurichten, die Kleckse wuchsen und wuchsen, welch ein Horror, schlossen sich schließlich zu einem großen braungrauen Fleck zusammen. Wir konnten nur hoffen, dass er gut antrocknen und die Eltern von Ulrike nichts merken würden.

Bis heute kann ich keinen Whiskey trinken. Schon der Geruch haut mich um. Der hat sich eingegraben in mein Gedächtnis, wie auch dieser Sommernachmittag, an dem ich einfach nur an einer Sitzblockade teilnehmen wollte. Und konfrontiert wurde mit dem Kalten Krieg. Mit diesen Pershings. Mittelstreckenraketen, was sollte das eigentlich heißen? Welche Entfernungen waren damit gemeint, auf wen waren die gerichtet? Waren die weniger schlimm als Langstreckenraketen? Die Eltern wollte ich nicht fragen. Die lebten in ihrer kleinen Welt und wollten nicht in die große hinein gezogen werden.

Ich erinnere mich noch gut, dass ich damals, als ich noch bei meinen Eltern wohnte, nachts oft stundenlang wach lag und mich mit dem Gedanken plagte, dass ich nicht alt werden, dass ich meinen 30. Geburtstag nicht erleben würde. Ich war mir sicher, dass dieser amerikanische Cowboypräsident bald den roten Knopf drücken und einen atomaren Krieg auslösen würde. Und eine russische Atomrakete würde dann alles zerstören. Meinen Heimatort, mein Elternhaus, mich selbst. In Schutt und Asche legen.

Damals ist alles noch einmal gut gegangen. Der Rest des Whiskeys landete im Ausguss, die Flecken wurden mit 90 Grad und Ariel herausgewaschen (Ulrikes Mutter sagte kein Wort), die Pershings waren 1991 weg.

Da war ich schon 31 Jahre alt.

Stuttgart, 13. März 2022