Archiv für den Monat März 2020

Weh dir

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Man könnte sagen, wir leben in unsicheren Zeiten. Man könnte aber auch sagen, wir leben in sicheren Zeiten, denn wir können uns sicher sein in dieser Unsicherheit. Wir wissen nicht, was morgen kommt. Wir wissen nicht, ob es uns morgen trifft. Aber Krankheit und Tod sind uns immer sicher. Ist Klopapierkaufen eine Übersprungshandlung?  Um davon abzulenken, dass es passieren könnte?

Weh mir

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Damals war ich mir hundertprozentig sicher: Das 30. Lebensjahr würde ich niemals erreichen.


Habe ich als junge Frau nicht immer damit gerechnet, von einer Pershingrakete getroffen zu werden? Als ich fünf war, kamen die ersten Atomraketen in meinen Heimatort, als ich 23 war, wurden dort Pershing II-Raketen und Cruise Missiles stationiert. Mit Böll, Grass, Jens und vielen anderen war ich in einem Friedenscamp und habe das Pershing-Depot blockiert, besonders in Erinnerung geblieben ist mir tatsächlich »Blacky« Fuchsberger, der braun gebrannt im Porsche Cabrio daherkam. Auch die kriegstreiberische Politik von Ronald Reagan ließ mich oft schlaflos im Bett liegen und zu Demonstrationen in die westdeutsche Hauptstadt Bonn fahren: Fuck you Reagan!


Bald danach kam die Angst, von einer unbeherrschbaren Reaktorkatastrophe verseucht zu werden, von einem Super-GAU wie dieser Katastrophe in Tschernobyl. 1986 explodierte der Reaktor des Blocks 4. Dieses Russland war weit weg und doch sind alle mit ängstlichen Gesichtern herumgelaufen, haben sich vor dem Wind aus östlicher Richtung und vor radioaktiven Lebensmitteln gefürchtet. Waren die Pilze in Ordnung, konnte man das Fleisch noch essen, das Wasser noch trinken? Die, die es sich leisten konnten, kauften sich Häuser auf La Palma, La Gomera oder sonst wo, wo man unverseucht leben konnte. Dort gelebt haben sie aber nie, weil sie sich das nicht leisten konnten.


Zuletzt habe ich gedacht, die völlig überhitzte Erde, das Ansteigen der Temperaturen, die Brüchigkeit des arktischen Eises und das Verschwinden der Eisbären sei die große Gefahr. Ich habe mit dem Klimakollaps gerechnet, mit Wirbelstürmen, Hochwasser und langen Dürrezeiten. Und damit, von Plastikmassen erstickt zu werden. Gerade spricht niemand mehr von Umweltschutz und Flugabstinenz, Greta Thunberg, die Mahnerin, ist von der Bildfläche verschwunden.


Und nun die neue – unsichtbare – Gefahr. Wieder laufen alle mit ängstlichen Gesichtern umher. Manche schauen finster. Man hält sich an der Gehsteigkante und behandelt die anderen wie Aussätzige, denen man auf gar keinen Fall zu nahe kommen möchte. Nur kein Husten, kein Hüsteln, kein Schniefen, keine Tröpfchen, bitte.


Und ich mache mir dieselben Gedanken wie alle anderen: Wielange wird das Klopapier noch reichen. Und die Seife und die Putzmittel. Und das Mehl. Alles Mangelwaren. Die Idee, zum Trost einen Hefezopf zu backen, ist daran gescheitert, dass es gar nirgendwo Hefe gibt.


Vor Kurzem hatte es noch geheißen, flüssige Seife wäre gesünder als Seifenstücke, weil die verkeimt sein könnten. Jetzt gilt das Gegenteil: Langes, intensives Händewaschen (zwei Mal »Happy Birthday« singen) mit Seife, die richtig in der Hand liegt, die man aufschäumen und zwischen den Fingern und auf der Handober- und Unterseite verteilen kann. Denn dieses Coronavirus, das die Gesellschaft gerade außer Gefecht setzt, soll von einer schützenden Lipidmembran, einer Fettschicht, ummantelt sein, auf der Eiweißmoleküle sitzen. Und nur Seife löst dieses Fett und beschädigt die Membran. So kann das Virus unschädlich gemacht werden, heißt es. Arg viel mehr kann man nicht tun. Ach doch, Handschuhe tragen.


Neuerdings hoffe sogar ich auf die Wissenschaft und auf die Medizin. Darauf, dass Medikamente gefunden werden, die die Überlebensrate erhöhen und die Todesraten senken. Die Zustände in Italien, wo die Menschen wie die Fliegen sterben, sind ein Horror. Von den Fernsehbildern, die das Elend in Bergamo, Madrid oder in New York City zeigen, wird einem Abend für Abend schlecht. Ich hoffe auf einen Impfstoff, der das Virus zu einem Virus macht, wie jedes andere. Sogar ich folge dem Virologen Christian Drosten, der geradezu ein Medienstar ist, und den alle Welt um Rat fragt: Was sind die Symptome, was kann man dagegen tun, wann ist alles überstanden? Ja, das ist die entscheidende Frage: Wann ist alles überstanden? An Ostern? Bis dahin gilt die Kontaktsperre. Oder länger? Bis Sommer, bis Ende des Jahres? Was wird aus den kleinen Geschäften, den Cafés und Restaurants in unserer Nachbarschaft? Werden sie die temporäre Schließung überstehen? Wie können Menschenleben und Wirtschaft gerettet werden? Wird die Welt menschlicher und bescheidener? Bietet Corona gar eine Chance?


So weit kann ich gerade noch nicht denken, im Augenblick scheint mir die Vernunft und das Tun meiner Mitmenschen wichtiger als alles andere. Alle mögen zuhause bleiben und sich schön die Hände waschen, und im Supermarkt und in der Straßenbahn den gehörigen Abstand halten. Und keine Lebensmittel, kein Klopapier, keine Schutzmasken und kein Desinfektionsmittel hamstern. Es geht darum, sich nicht anzustecken. Es geht um Solidarität.


Ich hoffe auf den Sommer. Und ich hoffe auf den Herbst. Und hoffe und hoffe… Dass wieder alles ganz normal wird. Ja, ich hoffe tatsächlich auf einen stinknormalen Alltag. Raus aus dem Homeoffice, zurück ins Büro. Raus aus der Quarantäne, raus aus der Isolation, zurück unter Menschen. Ich will Begegnungen von Angesicht zu Angesicht mit Freunden, mit Kollegen und Nachbarn.


Ich hoffe darauf, dass das Klopapier reichen wird. Und dass alles gut wird: Andrà tutto bene, sagen die Italiener und singen und musizieren abends auf ihren Balkonen.


Nicht mich möge dieses Virus treffen. Bitte auch nicht die anderen. Aber wenn schon, dann lieber die anderen.


1,5 bis zwei Meter Abstand sind verordnet. Dass ich keine Hände mehr schütteln darf, das macht mich sogar froh. Habe ich es nicht immer gehasst? Schon als kleines Mädchen musste ich den Erwachsenen, den Kunden des Vaters, die Hand geben. Als Zeichen der Höflichkeit, der Verbindlichkeit, wie es immer hieß. Ich habe aber nie begriffen, warum ich als Kind etwas für die Geschäfte des Vaters tun sollte. Später bin ich den Händeschüttlern gerne aus dem Weg gegangen.


Ich erinnere mich, dass der Großvater zum Gruß immer seinen Hut oder seine Schiebermütze gelüftet hat. Vielleicht wäre das die Lösung: Wir könnten wieder Hüte tragen. Die den Kopf schützen und vom Händeschütteln befreien.

Sich schützen. Sich befreien.

Weil man das Leben nicht hamstern kann.

Tübinger Straße, März 2020