Archiv der Kategorie: Geschichten

Garten der Kindheit

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Der Weg ist weit, denn die Großeltern wohnen am Ende der ewig langen Straße. Weit, weil sie die lange Strecke zu Fuß gehen muss, wenn sie nach Schulschluss nicht nach Hause, sondern lieber zu den Großeltern will.

Einen großen Garten gibt es da, hinter dem Haus der Großeltern, mitten in der Stadt.

Man sagt ihr „Geh runter spielen“, dann lässt man sie einfach machen. Sie darf Parfum aus Rosenblütenblättern destillieren, sie darf sich Calendulablüten hinter das Ohr stecken. Dann schwimmt sie in einem Meer von Orange. Einem Meer ohne Duft. Sie neckt das Mohrle mit einem Wollknäuel an einer langen Schnur. Das Kätzchen versucht, das Knäuel zu fangen, jagt ihm hinterher, bis es sich verärgert abwendet. Da hilft auch kein „Mohrle komm, komm“ mehr. Manchmal liegt sie mit geschlossenen Augen einfach nur träumend im Gras. Sie träumt von Spielkameradinnen, die nach Rosen duften.

Es ist ein Garten voller Blumen.

Es ist ein Garten voller Obstbäume und Beerensträucher.

Erdbeeren, Himbeeren, Stachelbeeren, Träuble, die sie direkt in den Mund stecken darf. Roter Saft, der aus den Mundwinkeln auf die weiße Bluse hinunter tropft. Rote Flecke, die die Mutter nie wieder heraus waschen kann, noch nicht einmal mit Ariel. Sie wird Schimpfe bekommen. Die Stacheln um die dicken Stachelbeeren, die in die Finger pieksen, die machen ihr mehr Lust als Schmerz.

Die Erinnerung an diesen Garten verschmelzt heute mit Texten und Bildern von Heinrich Zille. Da in Berlin füttern einfache Leute ein Schwein auf ihrem Balkon und lassen es dick und fett werden, um dann einen Braten auf dem Tisch zu bekommen und nicht hungern zu müssen.

Die proletarischen Großeltern haben keinen Balkon, sie haben den großen Garten hinter dem Haus. Hier gibt es auch kein Schwein, dafür gibt es Hühner, Hasen und Ziegen, die der Großvater Geißen nennt. Ein Garten voller Tiere, ein Garten voller Obst und Beeren. Die Großmutter kocht alles ein. Dann kommt es auf den Teller und macht satt.

Und glücklich.

Dieser Garten meiner Kindheit ist ein Paradies.

Das erste Mal

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John Giorno (Beat Generation, ZKM Karlsruhe)

An den ersten Atemzug erinnert sich wahrscheinlich niemand. Daran, wie man da auf der Brust der Mutter liegt, mit verklebten Augen das saure Desinfektionsmittel, altes Blut und Kernseife einatmet, den Geruch des verschwitzten Kittels der Hebamme absorbiert und brüllt wie am Spieß.

Die Hand der Mutter loslassen, ganz ohne Hilfe laufen, an dieses erste Mal erinnert man sich womöglich. Loslassen und dann doch alleine auf die Nase fallen. Auf den frisch geputzten Steinboden, der nach Meister Proper riecht. Oder draußen in den Dreck fallen. Das erste Mal, wenn Erdbollen und Gras die Nasenlöcher verstopfen, dich nicht mehr schnaufen lassen, spitze Steinchen in deinem Knie stecken.

Oder das erste Mal Fahrradfahren ohne Stützräder. Stopp, sie hatte gar kein Fahrrad und damit auch keine Stützräder. Das erste Mal das Fahrrad des kleinen Bruders nehmen dürfen und es sofort können müssen. Schließlich kann es der kleine Bruder auch. Und dann doch scheitern, flirrende Sternchen sehen und den Geschmack der blutigen Lippe kosten.

Das erste Mal mit den Eltern und dem kleinen Bruder nach Österreich fahren. Das Auto vollkotzen und danach für immer zuhause bleiben. Der Vater sieht rot, zum ersten Mal hört sie schlimme Worte aus seinem Mund. Die Eltern nehmen nur noch den kleinen Bruder mit, sie wird bei den Großeltern abgegeben. Bei denen riecht es nicht nach Kotze, es schmeckt nach Pfannkuchen und Dampfnudeln, nach Komödienstadel und blechener Volksmusik aus dem Transistorradio.

Das erste Mal Sex, wenn man es überhaupt Sex nennen kann, dieses unsichere hitzige Tasten nach unbekannten Körperteilen, das Befingern und Befingertwerden, sein ungestümer grober Griff nach den Brüsten, das Suchen nach dem Unterleib, die klebrigen Hände. Der Geruch von Schweiß und Sperma. Der Geruch von Essig und Öl. Gelungen war es nicht, dieses erste Mal, aber das war kein Problem: Es gab ein weiteres erstes Mal und noch eins und noch eins und noch eins. Und es schmeckte immer besser.

Das erste Mal. Immer und immer wieder ein erstes Mal.

failed

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hirsch, elch, rentier… / mittenwald 2021

die goldenen kugeln am weihnachtsbaum blinken, der elch mit seinem roten schal und einem grinsen im gesicht hüpft vergnügt auf und ab. das erinnert mich gleich an diesen dämlichen elchpullover, den colin firth in einem der bridget jones filme getragen hat. hat da seine mutter für ihn gestrickt. oder war das gar kein elch, sondern ein rentier? mit namen rudolph? auf jeden fall very unsexy, dieser pulli, mit dem findet er bestimmt keine frau. 

zuverlässig wie immer, die elektronische weihnachtskarte, zwei, drei Tage vor heiligabend. merry christmas. grüße auch von jim, george und jane. mit xxx hintendran. ganz amerikanisch, soll wohl kisses heißen. hat sie es also doch noch geschafft, hat sie den nachwuchs bekommen, den sie sich immer gewünscht hat? kluge frauen müssen kinder kriegen, war immer ihr credo. kluge kinder für eine zukunft der menschheit.

hat sie dafür nun den passenden mann gefunden? ein ganzes Jahr habe ich nichts von ihr gehört, weiß gar nichts über jim, george und jane. weihnachtsbaum, elch (rentier?), vier unterschriften, xxx, kein text. merry christmas. mehr gibt es anscheinend nicht zu sagen. 

wie immer schicke ich weihnachtsgrüße zurück, mit text und ohne hüpfbild, und gratuliere. sind es zwillinge. eine künstliche befruchtung? dann wird es peinlich. eine sms mit bild kommt: den mann gibt es, ja. die kinder nicht, nein. zwei hunde sind es. xxx, kisses von zwei deutschen boxern. schmatz, pfui. george und jane, hoffentlich zwei kluge hunde. doch für welche zukunft? fuss. platz. männchen. aus. schon ihre eltern hatten brutus. dieselbe rasse, bissig, mit schleimiger schnauze. maulkorb. seit der fünften klasse waren wir nebensitzerinnen. bei ihr daheim war ich wegen brutus nie. nach dem studium ist sie nach amerika, ärztin in einer klinik, zu hiv geforscht. ich bin geblieben. kontakt war immer, gegenseitiger besuch auch, die eine oder andere post ging hin und her. und eines tages kam mein brief zurück. mailadresse ungültig. telefon abgeschaltet. bei google keine frau doktor.

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Wut (eins)

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Sie sitzt alleine an einem kleinen Tisch in einem großen Saal. Ein Füller, ein Blatt mit Fragen und ein Stapel weißer Bögen liegen vor ihr. In aller Ruhe liest sie die Fragen. Erst wird ihr heiß, dann wird ihr kalt. Mit beiden Händen hält sie sich am Tisch fest. Blut pumpt durch die Schläfen, das Gesicht wird rot, der Gaumen trocken. Sie nimmt den Stift, will schreiben, muss schreiben. Nur dafür ist sie hergekommen.


Gleich wird ihr etwas einfallen. Gleich wird sie auf ihr Wissen stoßen, gleich wird der Geistesblitz da sein. Sie schwitzt nicht, nein, die Hände sind gar nicht feucht, regelrecht kalt ist ihr an diesem Sommertag. Das Gehirn ist ein Klumpen. Falls es in diesem Kopf je einen klugen Gedanken gegeben hat: Er ist weg. Da müssten drei Fragen zu drei Themen stehen, tatsächlich sind es drei Fragen zu zwei Themen. Er hat sich anders entschieden. Das Thema, auf das sie gelernt hat, fehlt. Fehlt.


Schuster, bleib bei deinem Leisten: Warum um Himmels willen hatte sie studieren wollen? Nach der Vorstellung der Eltern wäre sie Ehefrau und Mutter geworden. In den Augen des Professors taugte sie, die Tochter des Schreiners, nicht für die Uni. Taugte nicht.


Dem Professor den Hund vergiften. Dem Professor die Reifen seines Autos aufschlitzen. Ihn auf dem Zebrastreifen vor dem Institut überfahren. Oder ihm – Zack! – den Schwanz abschneiden, diesem elitären, frauenverachtenden Geschichtsverdreher. Diesem vertrockneten Bücherwurm. Diesem verstaubten.


Wenn sie sich nur fortwünschen, wenn sie sich wie die Jeannie wegbeamen könnte, weg von diesem Tisch, weg von diesem bedrohlichen Berg leerer, weißer Blätter. Leer und weiß.


Dann schreibt sie doch. Und steckt den Stift in seine Hülle, nimmt ihre Tasche, steht auf und geht zum Tisch der Prüfungsaufsicht. Sie gibt einen Bogen ab, ein Blatt Papier mit dem Briefkopf des Seminars für Neuere Geschichte. Darunter steht nun ihr Name.

Und darunter steht: Hund vergiften. Reifen aufschlitzen. Umnieten. Zebrastreifen. Schwanz ab. Zack!

Ausschnitt aus „Die ekstatische Jungfrau Anna Katharina Emmerick“ von Gabriel von Max, 1885
(gesehen und fotografiert in der Kunsthalle Mannheim)

Ottos Ende

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Manchmal nachmittags, wenn die Küche blitzblank sauber war, zog die Großmutter die Schürze aus, ein frisches Kleid an und ging mit der Bürste kurz durch die dünnen dauergewellten Haare. Dann stand ein Höhepunkt im ansonsten recht gleichförmigen Leben der Großmutter an.
»Darf ich mit«, fragte sie dann die Großmutter, obwohl sie genau wusste, dass die Großmutter sie mitnehmen würde, weil sie sie mitnehmen musste. Wo hätte sie sie auch lassen sollen. Die Großmutter holte das Fahrrad aus der Garage, die eigentlich keine Garage war, denn ein Auto hatten die Großeltern gar nie besessen. An den Lenker hängte sie die große Tasche, so dass das Fahrrad ein bisschen Schlagseite hatte und von der Großmutter im Gleichgewicht gehalten werden musste. Denn wie immer schob die Großmutter ihr Rad, das sie kaum überragte. Sie selbst, die sie gerade sieben geworden war und im Herbst endlich in die Schule kommen würde, stakste mit ihren langen dünnen Beinen nebenher. Eine längere Strecke lag vor ihnen. Erst kam man am Edeka-Barsch, dann an der Mangelstube von Frau Stegmaier vorbei. Immer wieder grüßte die Großmutter Menschen, die »Grüß Gott Frau Knödler« zu ihr sagten, die sie vom Einkaufen beim Barsch, vom gemeinsamen Mangeln der Bettwäsche oder aus dem Geißenzuchtverein kannte. Stehen blieb sie aber gar nie. Der Großvater züchtete längst keine Ziegen mehr, hatte nur noch Hühner und Hasen hinter dem Haus mit den drei Mietpartien, aber die Mitgliedschaft im Verein, der alljährliche Wandkalender mit den prämierten Tieren und die zweitägige Busreise zu Sehenswürdigkeiten und die Geselligkeit waren ihm nach wie vor wichtig. Die Großmutter dagegen legte weder Wert auf den Kalender noch auf diese Ausflüge. Sie blieb lieber daheim.
Am Ende der langen Straße mussten sie den Berg hinauf, die Großmutter schob das Fahrrad langsam bergan und schnaufte heftig. Die Mühe sollte belohnt werden: Frau Kratochwill hatte Kaffee gekocht. Frisch gebrühter Kaffee in einer goldgeränderten Kaffeekanne stand auf dem Tisch, dazu passende Tassen mit Goldrand und Rosendekor. Es gab auch Kuchen. Zu Frau Kratochwill ging man aber nicht, um Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Man ging zu ihr, um in den Ottokatalogen und in den Neckermannkatalogen zu blättern, um dies und das zu vergleichen, um sich Rat zu holen, schließlich eine Wahl zu treffen und zu bestellen. Frau Kratochwill betrieb in ihrem Esszimmer eine Bestellagentur. Da man aber nicht mit der Tür ins Haus fallen wollte, saß man erst einmal gemütlich am Tisch und trank Kaffee, Frau Kratochwill rauchte eine Zigarette dazu.
Sie selbst wollte gerne dabei bleiben, wenn die erwachsenen Frauen über Farben und Größen fachsimpelten, den Kuchen aber mochte sie nicht und für Kaffee war sie zu klein. »Geh doch ein bisschen spielen«. Man sagte ihr nicht, was sie spielen sollte und auch nicht, womit. Gerne hätte sie einen der Kataloge mit nach draußen genommen, hätte darin geblättert und die eine oder andere Dame in einem schicken Kostüm und mit blonden hochtoupierten Haaren ausgeschnitten und zuhause in ein Heft geklebt.
Sie bekam aber nur ein Glas süßen Sprudel in die Hand gedrückt und wurde nach draußen in den Garten geschickt. Da war es langweilig, so alleine, ein bisschen unheimlich war es auch, weil das Haus keine Nachbarn hatte und am Waldrand stand. Sie streifte ziellos umher, sammelte Blätter und Blüten und dachte sich aus, was sie alles bestellen würde, wenn sie größer wäre und Geld hätte. Da waren schöne Puppen mit blauen Augen und langen blonden Haaren in den Katalogen. Zuhause hatte sie Elsa, die sie gerne mochte, aber die leider keine Haare hatte. Und Paula, die schwarzes Haar hatte, das man zusammenbinden konnte, und die die Augen auf- und zu machen konnte, aber leider ein bisschen klein war. Die im Katalog sahen viel größer und echter aus als die dicke Elsa und kleine Paula, die sie von der Großmutter zu Weihnachten vor einem Jahr und zu Weihnachten vor zwei Jahren bekommen hatte. Gerne hätte sie neue Kleider für Elsa und Paula ausgesucht und Frau Kratochwill den Auftrag gegeben, diese für sie zu bestellen. Bis jetzt mussten die beiden die Sachen auftragen, die die Großmutter für sie genäht hatte. Wenigstens roch es da draußen nicht nach Katzen und nicht nach Zigarettenrauch, und sie musste sich nicht einen Platz suchen zwischen den ganzen Hemden, Hosen, Kleidern, Nachthemden, Schuhabstreifern, Küchenmaschinen und den vielen anderen Dingen, die das Esszimmer von Frau Kratochwill füllten. Es gab immer ein großes Durcheinander von Waren, die noch in Papier eingeschlagen oder bereits ausgepackt waren. Das Papier lag achtlos daneben oder zerknüllt auf dem Boden. Bevor man sich zu Kaffee und Kuchen an den Tisch setzen konnte, galt es erst einmal einen Stuhl und manchmal sogar ein Stück des Tisches frei zu räumen. Die Kataloge und die daraus stammenden Dinge lagen wirklich überall herum. Und dann noch Maßbänder, um Körperumfang und Busen der Kundinnen abzumessen und die richtige Größe zu ermitteln. Und Stecknadeln für den Fall, dass etwas geändert werden musste. Frau Kratochwill konnte an ihrer Nähmaschine ganz schnell etwas enger oder kürzer machen, das war eine Art kostenloser Extraservice. Nicht zu vergessen all die Katzen, die auch überall herumlagen, auf den freien Stühlen, dem Sofa, den Bestellungen. Sie wusste gar nicht, warum die Großen sie nicht dabei haben wollten, denn geredet wurde eigentlich nicht viel. Frau Kratochwill fragte die Großmutter ein ums andere Mal »wie geht es Ihnen denn?«. Und wie dem Mann und wie den Kindern? Die Großmutter antwortete dann »gut«, so wie sie immer antwortete.
Manchmal, wenn man ihre Anwesenheit vergessen hatte, blieb sie, setzte sich zu den Katzen aufs Sofa und blätterte in den Katalogen mit den schönen Menschen und den schönen Sachen, und sie wusste genau, was sie sich wünschen würde, wenn man sie fragen würde. Aber sie wurde nicht gefragt, denn die Großmutter war in eigener Sache da. Heimlich schaute sie dabei zu, wie die Großmutter und die anderen Frauen sich hinter den Paravent quetschten, der in einer Ecke des Esszimmers stand. Denn da konnte man, wenn man wollte, alles anprobieren und gemeinsam mit Frau Kratochwill begutachten.
»Oh, wie schön Sie aussehen«, sagte Frau Kratochwill dann oder »die Farbe steht Ihnen aber besonders gut« oder »das passt ja wie angegossen«.
Ob die Großmutter für den Besuch bei Frau Kratochwill ein bisschen zusätzliches Geld von dem Großvater bekam oder ob sie es sich vom Haushaltsgeld abgespart hatte, indem sie ein bisschen weniger Wurst gekauft oder doch immer wieder auf Sonderangebote beim Barsch zurückgegriffen hatte, wusste sie nicht. Dass der Großmutter kein eigenes Geld zur Verfügung stand, weil der Großvater der Verdiener und Bestimmer war, das wusste sie schon.
Jedenfalls bestellte die Großmutter sich dann und wann ein Kleid, eine Schürze, ein Nachthemd oder einen BH oder einen Satz weiße Unterhosen. Sie hatte aber auch beobachtet, dass die Großmutter manchmal zu Frau Kratochwill ging, wenn sie gar kein Geld hatte und nicht bestellen wollte, einfach nur, um in den Katalogen zu blättern. Oder um Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Nein, um einmal bedient zu werden. Und um Gesellschaft zu haben.
Genau genommen besaß die Großmutter zwei Kleider, die im Schnitt identisch waren. Modell Sieglinde von Otto, Bestellnummer 3.011 aus der Abteilung Damenoberbekleidung, große Größen. Eines war braun mit kleinen hellblauen Blümchen und eines hellblau mit kleinen braunen Blümchen.
Ersteres, das braune mit den hellblauen Blümchen, trug sie unter der Woche, aber nur, wenn sie das Haus verlies. Um zum Barsch, zur Mangelstube oder zu Frau Kratochwill zu gehen. Man sagte, es sei pflegeleicht. Das andere, das hellblaue mit den braunen Blümchen, trug sie am Sonntag. Da verließ sie zwar nicht das Haus, aber da kamen andere zu ihr, um sich an ihren Tisch zu setzen und Kaffee zu trinken und den selbst gebackenen Kuchen zu essen. Weil es hellblau war, galt es als freundliches Kleid. Pflegeleicht war es sowieso. Sonntags steckte sie sich eine kleine goldene Brosche an den großen Busen. Beide Kleider, das werktägliche und das sonntägliche, konnte man von Hand waschen, und sie waren blitzschnell wieder trocken. Die Kittelschürzen, die sie werktags anstelle des Kleides trug, wenn sie das Haus nicht verließ, um zum Barsch, zur Mangel oder zu Frau Kratochwill zu gehen, waren braun mit kleinen hellblauen Blümchen oder hellblau mit kleinen braunen Blümchen. Während alle Kleider kurze Ärmel hatten, die Großmutter trug sie auch im Winter mit einer dünnen Strickjacke darüber, waren die Schürzen ärmellos. Die Bewegungsfreiheit musste immer gewährleistet sein. Wenn sie die Kochwäsche im Topf auf dem Gasherd mit einem großen Holzlöffel umdrehte. Wenn sie den Hefeteig für das Blech voll Apfel- oder Zwetschgenkuchen schlug. Wenn sie für ihre Maultaschen Rindfleisch, Spinat und Rauchfleisch durch den Wolf kurbelte. Wenn sie Berge von Kartoffelsalat fabrizierte. Wenn sie die vielen Früchte aus dem Garten hinter dem Haus, für deren Ernte der Großvater zuständig war, verarbeitete. Entweder sie wurden in Weckgläsern mit Zuckerwasser eingemacht oder zu süßer Marmelade verkocht. Wenn sie die Fenster, die immer blitzen mussten, putzte und den Steinboden ihrer kleinen Küche wischte. Kalt wurde es der Großmutter gar nie. Weil die Schürzen in die große Wäsche gehörten und seltener gewaschen wurden, hatte sie vier davon.
Ob die Großmutter Blümchen mochte oder ob die Blümchen ihrer Körperfülle und der Größe 52 geschuldet waren, vermochte sie nicht zu sagen. Sie kannte die Großmutter nur so, in Braun und Hellblau. Und nur mit Blümchen.
Wenn eines der Kleider ersetzt werden musste, weil es durch war und die finanzielle Situation es erlaubte, besuchte man Frau Kratochwill, bestellte aus dem Katalog, um ein, zwei Wochen später noch einmal hinzugehen.
Frau Kratochwill hatte Telefon, die Großeltern aber nicht. Also ging die Großmutter auf gut Glück hin, mit dem Ziel, Kaffee zu trinken, Kuchen zu essen, die bestellte Ware auszupacken und vor Ort anzuprobieren. Vielleicht hoffte sie sogar darauf, dass sie den Weg vergeblich machen würde. Denn wenn das Bestellte noch nicht eingetroffen war, würde sie das Fahrrad einfach ein weiteres Mal den Berg hinaufschieben.
Alle Kleider kamen von Otto. Schürzen und Unterwäsche und Nachthemden von Neckermann. Die Unterhosen und Unterhemden passten immer. Gefiel oder passte aber das neue Kleid nicht, was eher unwahrscheinlich war, da es sich ja immer um das Modell Sieglinde von Otto, Bestellnummer 3.011, aus der Katalogabteilung Damenoberbekleidung, große Größen, in Größe 52 handelte, war dies ein großes Glück. Dann schickte Frau Kratochwill das Kleid zurück und orderte ein neues, und man bekam ein weiteres Mal die Gelegenheit, Kaffee plus Kuchen in Anspruch zu nehmen. Passten aber die Sachen, schrieb Frau Kratochwill handschriftlich alle Posten auf einen Zettel, machte einen Strich darunter und rechnete zusammen. Die Großmutter schaute gar nicht hin und zahlte in bar. Damit war der Einkauf beendet. Waren noch andere Frauen da, gab es manchmal ein Gläschen Eierlikör. Dann wurde Auspacken, Anprobieren und Bezahlen zum Fest. Ganz nebenbei wurde auch noch Lesestoff getauscht.
Die Großmutter war in unbeobachteten Momenten eine große Leserin. Wann immer es ging, zog sie sich in das sogenannte »dritte Zimmer«, es war das ehemalige Kinderzimmer in der Dreizimmer-Wohnung der Großeltern, zurück. Dieses Zimmer, das jetzt Nähzimmer, Badezimmer und Gästezimmer in einem war. Und Lesezimmer. Da auf dem Gästebett, das zum Sofa zusammengeklappt war, und auf dem gar nie ein Gast übernachtet hatte, machte sie sich es bequem und schmökerte in ihren Romanen. Da gab es Liebes- und Arztromane vom Bastei-, Pabel-, Moewig- oder Kelterverlag, die sie verschlang, obwohl sie sich mit der Liebe nicht auskannte und Ärzte gar nicht mochte. Sobald so ein Heftle ausgelesen war, verschwand es in der großen Tasche und wurde bei nächster Gelegenheit gegen ein neues Schicksal eingetauscht.
Der Großvater sah die Besuche bei Frau Kratochwill nicht gerne. Nicht weil er fand, dass die Großmutter zu viel Geld für sich und ihr Aussehen ausgab, sondern, weil er nicht gerne sah, dass sie aus dem Haus ging und sich mit anderen amüsierte. Sie sollte zuhause sein, wann immer er nach Hause kam. In seinen Augen war sie eine Hausfrau und damit für den Haushalt zuständig. Außerdem hieß es allgemein, die Kratochwill sei geschäftstüchtig und würde die Kundschaft bescheißen, auch sähe sie aus wie eine Hexe mit den rotgefärbten Haaren und der spitzen Nase. Außerdem rauche sie und das gehöre sich nicht für eine Frau. Und ein »Flichtling, mit dem Rucksack gekommen«, sei sie auch noch. Und dann seien da noch die Katzen, die auf den neuen Sachen herumlägen, das könne man doch niemanden zumuten. Noch nicht einmal der Kuchen sei selbst gebacken, die könne ja gar nicht backen, diese Hexe, dieses Flüchtlingsweib. Und dieser ewige Zitronenkuchen mit Zuckerglasur stamme doch vom Barsch, sei bestimmt ein Sonderangebot oder ein Ladenhüter. Trocken und alt.
Die Großmutter störte dies alles nicht. Ihr war es wichtig, dass man freundlich zu ihr war, dass sich jemand um sie kümmerte. Dass man sie als Kundin ernst nahm. Sie genoss es, so etwas wie eine Freundin zu haben, auch wenn die beiden immer »Sie« zueinander sagten, »Frau Kratochwill« und »Frau Knödler«, und es nie eine Begegnung außerhalb der Bestellagentur gab. Auch mit den anderen Frauen nicht.
Sie konnte sich immer darauf verlassen, dass der Besuch bei Frau Kratochwill sich nicht zu lange hinziehen würde, denn das Abendessen für den Großvater musste pünktlich um fünf auf dem Tisch stehen. Auf dem Rückweg ging es zwar bergab, aber der Fußmarsch musste trotzdem gut kalkuliert sein. Die Tasche am Lenker war nicht leichter geworden – und die Großmutter auch nicht.
Jetzt, fünfzig Jahre später, gab Otto bekannt, dass der Katalog Frühjahr/Sommer 2019 der allerletzte sein wird. Neckermann hatte diesen Schritt bereits 2012 getan. Den Otto-Katalog, die Konsumbibel, in der man stundenlang blättern konnte, den Inbegriff aller materieller Sehnsüchte, gab es 68 Jahre lang. Er hat die Großmutter, Frau Kratochwill und die anderen Frauen nach dem Krieg in die Moderne begleitet. Er hat sie überlebt. Der von Otto erfundene Rechnungskauf hatte die Bestellagentur überhaupt erst möglich gemacht. Vorbei. Für immer vorbei. Bestellungen bei Otto in Zukunft nur noch online. Jeder ist heute seine eigene Bestellagentur: Anklicken, in den Warenkorb schieben, mit Kreditkarte bezahlen, das Paket vom DHL-Man an der Haustüre in Empfang nehmen. Für Neukunden gibt es den »Neukunden-Code«, 15 Euro Rabatt und eine »gratis Liefer-Flat«. Da steht man dann alleine vor dem Spiegel, kein Mensch sagt einem, dass das Kleid gut sitzt oder dass man es schnell noch ein bisschen abändern kann. Niemand steht mit Maßband und Stecknadeln bereit. Niemand kocht Kaffee. Niemand serviert Zitronenkuchen. Kein Austausch von Schicksalsromanen, in denen Schwester Angela im letzten Augenblick ihr Glück findet. Die Entscheidung fällt einsam, man behält das Kleid oder schickt es zurück. Dann bringt der DHL-Mann die Retoure wieder zurück nach Hamburg. Man hätte aber genau so gut bei Amazon oder Zalando oder anderswo bestellen können. Genau so anonym, genau so beliebig.
Sie stellte sich vor, wie die Großmutter und ihre Frau Kratochwill sich im Grab umdrehten.

Wien, 2019
Stuttgarter Zeitung vom 23.04.2021
Stuttgarter Zeitung vom 04.11.2021

Kürzestbiographie

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Am Anfang kämpfte sie gegen das allumfassende Himmelblau.
Dann gegen Chemie und Physik.
Dann gegen einen Geschichtsprofessor, dem sie nicht passte.
Dann gegen Arbeitgeber, denen sie zu sehr passte.
Dann gegen die Übermacht der Krankheit.
Dann kam einer, mit dem sie gemeinsam kämpfte.
Und feierte.
Das Leben.

Entleeren

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Die Worte fließen lassen. Entleeren, aufräumen, auf eine andere Ebene kommen. Den eigenen Kritiker, der tief innen drin sitzt, zum Schweigen bringen. Den eigenen Ansprüchen genügen. Mut fassen. Aus der Haut und wieder hinein fahren. Den richtigen Ton finden. Sich nicht an den anderen messen. Kurven drehen und immer wieder zu sich zurückkehren und bei sich bleiben.

Roter Rollkragenpullover

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Man hatte wenig fotografiert damals, sie wußte nicht einmal, wer überhaupt eine Kamera besaß. Aber sie meinte zu wissen, dass sie auch deshalb nicht fotografiert wurde, weil man nicht viel Zeit mit ihr verbrachte. Und ein ausgesprochen schönes Kind war sie auch nicht.

Da sie nie einen Kindergarten besucht hatte, gab es von ihr auch nicht  die Bilder, auf denen sie mit den anderen halb nackten Kindern fröhlich im Schwimmbassin herumsprang. Solche Fotos gab es von dem kleinen Bruder. Von ihr gab es immerhin ein Schulbild. Eines, das die Eltern gekauft hatten. Ein Schwarz-Weiß-Bild, fotografiert vom Profifotografen, abgezogen auf dickem Papier, 13 mal 18 Zentimeter groß.

Darauf zu sehen war ein kleines Mädchen in einem handgestrickten Rollkragenpullover, glatt rechts. Farbe unbekannt. Sie vermutet, dass er rot war. Denn rot waren damals alle ihre Sachen. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie die Mutter jemals mit Strickzeug gesehen hatte. Die hatte nicht stricken können, schon gar nicht so etwas Kompliziertes wie einen Pullover. Wo kam er also her, dieser Pullover, den sie an einem Tag in der ersten Klasse getragen hatte. Es war naheliegend, dass die Großmutter den Pullover gestrickt hatte, denn die beherrschte, wie alle anderen Hausarbeiten, auch das Stricken. Sie war immer Hausfrau gewesen und hatte dies von der Pike auf gelernt.

Später, als sie selbst in der zweiten und dritten Grundschulklasse im Handarbeitsunterricht stricken musste, hatte die Großmutter ihre Handarbeiten oft nachgebessert und manchmal aus Mitleid komplett übernommen. Sie fühlte sich dann so unbegabt wie die Mutter, die all diese Dinge nicht konnte.

Vielleicht hatte die Schule Fotos dieser Art anlässlich des ersten Schultags in Auftrag gegeben. Dann müsste da aber ein Kind mit einer Schultüte im Arm zu sehen sein. Hier aber saß ein Mädchen in einem Rollkragenpullover glatt rechts gestrickt, wahrscheinlich rot, vor einem aufgeschlagenen Buch. Eine Topfpflanze ragte von links ins Bild. Sehr wahrscheinlich war es nicht der erste Schultag.

Hier wurde im Klassenzimmer das Lesen und das allererste Lesebuch inszeniert. Sie selbst saß da in ihrem selbst gestrickten, wahrscheinlich roten Pullover und einer kleinen Uhr am rechten Armgelenk und würdigte das vor ihr liegende Buch keines Blickes.

Fibelbild

Stattdessen blickte sie in die Kamera, war ganz konzentriert auf den Akt des Fotografiertwerdens. Sieben Jahre war sie alt, sie war erst mit sieben eingeschult worden. Die Frisur sah so selbst gemacht aus wie der Pullover. Links waren die glatten Haare, die Großmutter nannte sie immer „fatzenglatt“, kürzer und endeten oberhalb des Ohrs, rechts waren sie etwas länger und gingen über das Ohr.

Der Pony war schief, wieder links kürzer als rechts. Wer hatte geschnitten? Die Großmutter jedenfalls, die eigentlich alles konnte, hatte nie Haare geschnitten. Man sah genau, dass einen Augenblick davor noch jemand mit einem Kamm und vielleicht mit Spucke nachgeholfen hatte. Das könnte die Großmutter gewesen sein. Weder hübsch noch glücklich sah das Schulkind aus, aber erwartungsvoll. Das wirklich bemerkenswerte an diesem Foto war, dass Geld dafür ausgegeben worden war, dass man Geld für ein Foto von einem Profi ausgegeben hatte. Für die Eltern waren normalerweise jedes Heft und jeder Stift ein Heft und ein Stift zu viel.