Archiv der Kategorie: Geschichten

Wut (eins)

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Sie sitzt alleine an einem kleinen Tisch in einem großen Saal. Ein Füller, ein Blatt mit Fragen und ein Stapel weißer Bögen liegen vor ihr. In aller Ruhe liest sie die Fragen. Erst wird ihr heiß, dann wird ihr kalt. Mit beiden Händen hält sie sich am Tisch fest. Blut pumpt durch die Schläfen, das Gesicht wird rot, der Gaumen trocken. Sie nimmt den Stift, will schreiben, muss schreiben. Nur dafür ist sie hergekommen.


Gleich wird ihr etwas einfallen. Gleich wird sie auf ihr Wissen stoßen, gleich wird der Geistesblitz da sein. Sie schwitzt nicht, nein, die Hände sind gar nicht feucht, regelrecht kalt ist ihr an diesem Sommertag. Das Gehirn ist ein Klumpen. Falls es in diesem Kopf je einen klugen Gedanken gegeben hat: Er ist weg. Da müssten drei Fragen zu drei Themen stehen, tatsächlich sind es drei Fragen zu zwei Themen. Er hat sich anders entschieden. Das Thema, auf das sie gelernt hat, fehlt. Fehlt.


Schuster, bleib bei deinem Leisten: Warum um Himmels willen hatte sie studieren wollen? Nach der Vorstellung der Eltern wäre sie Ehefrau und Mutter geworden. In den Augen des Professors taugte sie, die Tochter des Schreiners, nicht für die Uni. Taugte nicht.


Dem Professor den Hund vergiften. Dem Professor die Reifen seines Autos aufschlitzen. Ihn auf dem Zebrastreifen vor dem Institut überfahren. Oder ihm – Zack! – den Schwanz abschneiden, diesem elitären, frauenverachtenden Geschichtsverdreher. Diesem vertrockneten Bücherwurm. Diesem verstaubten.


Wenn sie sich nur fortwünschen, wenn sie sich wie die Jeannie wegbeamen könnte, weg von diesem Tisch, weg von diesem bedrohlichen Berg leerer, weißer Blätter. Leer und weiß.


Dann schreibt sie doch. Und steckt den Stift in seine Hülle, nimmt ihre Tasche, steht auf und geht zum Tisch der Prüfungsaufsicht. Sie gibt einen Bogen ab, ein Blatt Papier mit dem Briefkopf des Seminars für Neuere Geschichte. Darunter steht nun ihr Name.

Und darunter steht: Hund vergiften. Reifen aufschlitzen. Umnieten. Zebrastreifen. Schwanz ab. Zack!

Ausschnitt aus „Die ekstatische Jungfrau Anna Katharina Emmerick“ von Gabriel von Max, 1885
(gesehen und fotografiert in der Kunsthalle Mannheim)

Ottos Ende

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Manchmal nachmittags, wenn die Küche blitzblank sauber war, zog die Großmutter die Schürze aus, ein frisches Kleid an und ging mit der Bürste kurz durch die dünnen dauergewellten Haare. Dann stand ein Höhepunkt im ansonsten recht gleichförmigen Leben der Großmutter an.
»Darf ich mit«, fragte sie dann die Großmutter, obwohl sie genau wusste, dass die Großmutter sie mitnehmen würde, weil sie sie mitnehmen musste. Wo hätte sie sie auch lassen sollen. Die Großmutter holte das Fahrrad aus der Garage, die eigentlich keine Garage war, denn ein Auto hatten die Großeltern gar nie besessen. An den Lenker hängte sie die große Tasche, so dass das Fahrrad ein bisschen Schlagseite hatte und von der Großmutter im Gleichgewicht gehalten werden musste. Denn wie immer schob die Großmutter ihr Rad, das sie kaum überragte. Sie selbst, die sie gerade sieben geworden war und im Herbst endlich in die Schule kommen würde, stakste mit ihren langen dünnen Beinen nebenher. Eine längere Strecke lag vor ihnen. Erst kam man am Edeka-Barsch, dann an der Mangelstube von Frau Stegmaier vorbei. Immer wieder grüßte die Großmutter Menschen, die »Grüß Gott Frau Knödler« zu ihr sagten, die sie vom Einkaufen beim Barsch, vom gemeinsamen Mangeln der Bettwäsche oder aus dem Geißenzuchtverein kannte. Stehen blieb sie aber gar nie. Der Großvater züchtete längst keine Ziegen mehr, hatte nur noch Hühner und Hasen hinter dem Haus mit den drei Mietpartien, aber die Mitgliedschaft im Verein, der alljährliche Wandkalender mit den prämierten Tieren und die zweitägige Busreise zu Sehenswürdigkeiten und die Geselligkeit waren ihm nach wie vor wichtig. Die Großmutter dagegen legte weder Wert auf den Kalender noch auf diese Ausflüge. Sie blieb lieber daheim.
Am Ende der langen Straße mussten sie den Berg hinauf, die Großmutter schob das Fahrrad langsam bergan und schnaufte heftig. Die Mühe sollte belohnt werden: Frau Kratochwill hatte Kaffee gekocht. Frisch gebrühter Kaffee in einer goldgeränderten Kaffeekanne stand auf dem Tisch, dazu passende Tassen mit Goldrand und Rosendekor. Es gab auch Kuchen. Zu Frau Kratochwill ging man aber nicht, um Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Man ging zu ihr, um in den Ottokatalogen und in den Neckermannkatalogen zu blättern, um dies und das zu vergleichen, um sich Rat zu holen, schließlich eine Wahl zu treffen und zu bestellen. Frau Kratochwill betrieb in ihrem Esszimmer eine Bestellagentur. Da man aber nicht mit der Tür ins Haus fallen wollte, saß man erst einmal gemütlich am Tisch und trank Kaffee, Frau Kratochwill rauchte eine Zigarette dazu.
Sie selbst wollte gerne dabei bleiben, wenn die erwachsenen Frauen über Farben und Größen fachsimpelten, den Kuchen aber mochte sie nicht und für Kaffee war sie zu klein. »Geh doch ein bisschen spielen«. Man sagte ihr nicht, was sie spielen sollte und auch nicht, womit. Gerne hätte sie einen der Kataloge mit nach draußen genommen, hätte darin geblättert und die eine oder andere Dame in einem schicken Kostüm und mit blonden hochtoupierten Haaren ausgeschnitten und zuhause in ein Heft geklebt.
Sie bekam aber nur ein Glas süßen Sprudel in die Hand gedrückt und wurde nach draußen in den Garten geschickt. Da war es langweilig, so alleine, ein bisschen unheimlich war es auch, weil das Haus keine Nachbarn hatte und am Waldrand stand. Sie streifte ziellos umher, sammelte Blätter und Blüten und dachte sich aus, was sie alles bestellen würde, wenn sie größer wäre und Geld hätte. Da waren schöne Puppen mit blauen Augen und langen blonden Haaren in den Katalogen. Zuhause hatte sie Elsa, die sie gerne mochte, aber die leider keine Haare hatte. Und Paula, die schwarzes Haar hatte, das man zusammenbinden konnte, und die die Augen auf- und zu machen konnte, aber leider ein bisschen klein war. Die im Katalog sahen viel größer und echter aus als die dicke Elsa und kleine Paula, die sie von der Großmutter zu Weihnachten vor einem Jahr und zu Weihnachten vor zwei Jahren bekommen hatte. Gerne hätte sie neue Kleider für Elsa und Paula ausgesucht und Frau Kratochwill den Auftrag gegeben, diese für sie zu bestellen. Bis jetzt mussten die beiden die Sachen auftragen, die die Großmutter für sie genäht hatte. Wenigstens roch es da draußen nicht nach Katzen und nicht nach Zigarettenrauch, und sie musste sich nicht einen Platz suchen zwischen den ganzen Hemden, Hosen, Kleidern, Nachthemden, Schuhabstreifern, Küchenmaschinen und den vielen anderen Dingen, die das Esszimmer von Frau Kratochwill füllten. Es gab immer ein großes Durcheinander von Waren, die noch in Papier eingeschlagen oder bereits ausgepackt waren. Das Papier lag achtlos daneben oder zerknüllt auf dem Boden. Bevor man sich zu Kaffee und Kuchen an den Tisch setzen konnte, galt es erst einmal einen Stuhl und manchmal sogar ein Stück des Tisches frei zu räumen. Die Kataloge und die daraus stammenden Dinge lagen wirklich überall herum. Und dann noch Maßbänder, um Körperumfang und Busen der Kundinnen abzumessen und die richtige Größe zu ermitteln. Und Stecknadeln für den Fall, dass etwas geändert werden musste. Frau Kratochwill konnte an ihrer Nähmaschine ganz schnell etwas enger oder kürzer machen, das war eine Art kostenloser Extraservice. Nicht zu vergessen all die Katzen, die auch überall herumlagen, auf den freien Stühlen, dem Sofa, den Bestellungen. Sie wusste gar nicht, warum die Großen sie nicht dabei haben wollten, denn geredet wurde eigentlich nicht viel. Frau Kratochwill fragte die Großmutter ein ums andere Mal »wie geht es Ihnen denn?«. Und wie dem Mann und wie den Kindern? Die Großmutter antwortete dann »gut«, so wie sie immer antwortete.
Manchmal, wenn man ihre Anwesenheit vergessen hatte, blieb sie, setzte sich zu den Katzen aufs Sofa und blätterte in den Katalogen mit den schönen Menschen und den schönen Sachen, und sie wusste genau, was sie sich wünschen würde, wenn man sie fragen würde. Aber sie wurde nicht gefragt, denn die Großmutter war in eigener Sache da. Heimlich schaute sie dabei zu, wie die Großmutter und die anderen Frauen sich hinter den Paravent quetschten, der in einer Ecke des Esszimmers stand. Denn da konnte man, wenn man wollte, alles anprobieren und gemeinsam mit Frau Kratochwill begutachten.
»Oh, wie schön Sie aussehen«, sagte Frau Kratochwill dann oder »die Farbe steht Ihnen aber besonders gut« oder »das passt ja wie angegossen«.
Ob die Großmutter für den Besuch bei Frau Kratochwill ein bisschen zusätzliches Geld von dem Großvater bekam oder ob sie es sich vom Haushaltsgeld abgespart hatte, indem sie ein bisschen weniger Wurst gekauft oder doch immer wieder auf Sonderangebote beim Barsch zurückgegriffen hatte, wusste sie nicht. Dass der Großmutter kein eigenes Geld zur Verfügung stand, weil der Großvater der Verdiener und Bestimmer war, das wusste sie schon.
Jedenfalls bestellte die Großmutter sich dann und wann ein Kleid, eine Schürze, ein Nachthemd oder einen BH oder einen Satz weiße Unterhosen. Sie hatte aber auch beobachtet, dass die Großmutter manchmal zu Frau Kratochwill ging, wenn sie gar kein Geld hatte und nicht bestellen wollte, einfach nur, um in den Katalogen zu blättern. Oder um Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Nein, um einmal bedient zu werden. Und um Gesellschaft zu haben.
Genau genommen besaß die Großmutter zwei Kleider, die im Schnitt identisch waren. Modell Sieglinde von Otto, Bestellnummer 3.011 aus der Abteilung Damenoberbekleidung, große Größen. Eines war braun mit kleinen hellblauen Blümchen und eines hellblau mit kleinen braunen Blümchen.
Ersteres, das braune mit den hellblauen Blümchen, trug sie unter der Woche, aber nur, wenn sie das Haus verlies. Um zum Barsch, zur Mangelstube oder zu Frau Kratochwill zu gehen. Man sagte, es sei pflegeleicht. Das andere, das hellblaue mit den braunen Blümchen, trug sie am Sonntag. Da verließ sie zwar nicht das Haus, aber da kamen andere zu ihr, um sich an ihren Tisch zu setzen und Kaffee zu trinken und den selbst gebackenen Kuchen zu essen. Weil es hellblau war, galt es als freundliches Kleid. Pflegeleicht war es sowieso. Sonntags steckte sie sich eine kleine goldene Brosche an den großen Busen. Beide Kleider, das werktägliche und das sonntägliche, konnte man von Hand waschen, und sie waren blitzschnell wieder trocken. Die Kittelschürzen, die sie werktags anstelle des Kleides trug, wenn sie das Haus nicht verließ, um zum Barsch, zur Mangel oder zu Frau Kratochwill zu gehen, waren braun mit kleinen hellblauen Blümchen oder hellblau mit kleinen braunen Blümchen. Während alle Kleider kurze Ärmel hatten, die Großmutter trug sie auch im Winter mit einer dünnen Strickjacke darüber, waren die Schürzen ärmellos. Die Bewegungsfreiheit musste immer gewährleistet sein. Wenn sie die Kochwäsche im Topf auf dem Gasherd mit einem großen Holzlöffel umdrehte. Wenn sie den Hefeteig für das Blech voll Apfel- oder Zwetschgenkuchen schlug. Wenn sie für ihre Maultaschen Rindfleisch, Spinat und Rauchfleisch durch den Wolf kurbelte. Wenn sie Berge von Kartoffelsalat fabrizierte. Wenn sie die vielen Früchte aus dem Garten hinter dem Haus, für deren Ernte der Großvater zuständig war, verarbeitete. Entweder sie wurden in Weckgläsern mit Zuckerwasser eingemacht oder zu süßer Marmelade verkocht. Wenn sie die Fenster, die immer blitzen mussten, putzte und den Steinboden ihrer kleinen Küche wischte. Kalt wurde es der Großmutter gar nie. Weil die Schürzen in die große Wäsche gehörten und seltener gewaschen wurden, hatte sie vier davon.
Ob die Großmutter Blümchen mochte oder ob die Blümchen ihrer Körperfülle und der Größe 52 geschuldet waren, vermochte sie nicht zu sagen. Sie kannte die Großmutter nur so, in Braun und Hellblau. Und nur mit Blümchen.
Wenn eines der Kleider ersetzt werden musste, weil es durch war und die finanzielle Situation es erlaubte, besuchte man Frau Kratochwill, bestellte aus dem Katalog, um ein, zwei Wochen später noch einmal hinzugehen.
Frau Kratochwill hatte Telefon, die Großeltern aber nicht. Also ging die Großmutter auf gut Glück hin, mit dem Ziel, Kaffee zu trinken, Kuchen zu essen, die bestellte Ware auszupacken und vor Ort anzuprobieren. Vielleicht hoffte sie sogar darauf, dass sie den Weg vergeblich machen würde. Denn wenn das Bestellte noch nicht eingetroffen war, würde sie das Fahrrad einfach ein weiteres Mal den Berg hinaufschieben.
Alle Kleider kamen von Otto. Schürzen und Unterwäsche und Nachthemden von Neckermann. Die Unterhosen und Unterhemden passten immer. Gefiel oder passte aber das neue Kleid nicht, was eher unwahrscheinlich war, da es sich ja immer um das Modell Sieglinde von Otto, Bestellnummer 3.011, aus der Katalogabteilung Damenoberbekleidung, große Größen, in Größe 52 handelte, war dies ein großes Glück. Dann schickte Frau Kratochwill das Kleid zurück und orderte ein neues, und man bekam ein weiteres Mal die Gelegenheit, Kaffee plus Kuchen in Anspruch zu nehmen. Passten aber die Sachen, schrieb Frau Kratochwill handschriftlich alle Posten auf einen Zettel, machte einen Strich darunter und rechnete zusammen. Die Großmutter schaute gar nicht hin und zahlte in bar. Damit war der Einkauf beendet. Waren noch andere Frauen da, gab es manchmal ein Gläschen Eierlikör. Dann wurde Auspacken, Anprobieren und Bezahlen zum Fest. Ganz nebenbei wurde auch noch Lesestoff getauscht.
Die Großmutter war in unbeobachteten Momenten eine große Leserin. Wann immer es ging, zog sie sich in das sogenannte »dritte Zimmer«, es war das ehemalige Kinderzimmer in der Dreizimmer-Wohnung der Großeltern, zurück. Dieses Zimmer, das jetzt Nähzimmer, Badezimmer und Gästezimmer in einem war. Und Lesezimmer. Da auf dem Gästebett, das zum Sofa zusammengeklappt war, und auf dem gar nie ein Gast übernachtet hatte, machte sie sich es bequem und schmökerte in ihren Romanen. Da gab es Liebes- und Arztromane vom Bastei-, Pabel-, Moewig- oder Kelterverlag, die sie verschlang, obwohl sie sich mit der Liebe nicht auskannte und Ärzte gar nicht mochte. Sobald so ein Heftle ausgelesen war, verschwand es in der großen Tasche und wurde bei nächster Gelegenheit gegen ein neues Schicksal eingetauscht.
Der Großvater sah die Besuche bei Frau Kratochwill nicht gerne. Nicht weil er fand, dass die Großmutter zu viel Geld für sich und ihr Aussehen ausgab, sondern, weil er nicht gerne sah, dass sie aus dem Haus ging und sich mit anderen amüsierte. Sie sollte zuhause sein, wann immer er nach Hause kam. In seinen Augen war sie eine Hausfrau und damit für den Haushalt zuständig. Außerdem hieß es allgemein, die Kratochwill sei geschäftstüchtig und würde die Kundschaft bescheißen, auch sähe sie aus wie eine Hexe mit den rotgefärbten Haaren und der spitzen Nase. Außerdem rauche sie und das gehöre sich nicht für eine Frau. Und ein »Flichtling, mit dem Rucksack gekommen«, sei sie auch noch. Und dann seien da noch die Katzen, die auf den neuen Sachen herumlägen, das könne man doch niemanden zumuten. Noch nicht einmal der Kuchen sei selbst gebacken, die könne ja gar nicht backen, diese Hexe, dieses Flüchtlingsweib. Und dieser ewige Zitronenkuchen mit Zuckerglasur stamme doch vom Barsch, sei bestimmt ein Sonderangebot oder ein Ladenhüter. Trocken und alt.
Die Großmutter störte dies alles nicht. Ihr war es wichtig, dass man freundlich zu ihr war, dass sich jemand um sie kümmerte. Dass man sie als Kundin ernst nahm. Sie genoss es, so etwas wie eine Freundin zu haben, auch wenn die beiden immer »Sie« zueinander sagten, »Frau Kratochwill« und »Frau Knödler«, und es nie eine Begegnung außerhalb der Bestellagentur gab. Auch mit den anderen Frauen nicht.
Sie konnte sich immer darauf verlassen, dass der Besuch bei Frau Kratochwill sich nicht zu lange hinziehen würde, denn das Abendessen für den Großvater musste pünktlich um fünf auf dem Tisch stehen. Auf dem Rückweg ging es zwar bergab, aber der Fußmarsch musste trotzdem gut kalkuliert sein. Die Tasche am Lenker war nicht leichter geworden – und die Großmutter auch nicht.
Jetzt, fünfzig Jahre später, gab Otto bekannt, dass der Katalog Frühjahr/Sommer 2019 der allerletzte sein wird. Neckermann hatte diesen Schritt bereits 2012 getan. Den Otto-Katalog, die Konsumbibel, in der man stundenlang blättern konnte, den Inbegriff aller materieller Sehnsüchte, gab es 68 Jahre lang. Er hat die Großmutter, Frau Kratochwill und die anderen Frauen nach dem Krieg in die Moderne begleitet. Er hat sie überlebt. Der von Otto erfundene Rechnungskauf hatte die Bestellagentur überhaupt erst möglich gemacht. Vorbei. Für immer vorbei. Bestellungen bei Otto in Zukunft nur noch online. Jeder ist heute seine eigene Bestellagentur: Anklicken, in den Warenkorb schieben, mit Kreditkarte bezahlen, das Paket vom DHL-Man an der Haustüre in Empfang nehmen. Für Neukunden gibt es den »Neukunden-Code«, 15 Euro Rabatt und eine »gratis Liefer-Flat«. Da steht man dann alleine vor dem Spiegel, kein Mensch sagt einem, dass das Kleid gut sitzt oder dass man es schnell noch ein bisschen abändern kann. Niemand steht mit Maßband und Stecknadeln bereit. Niemand kocht Kaffee. Niemand serviert Zitronenkuchen. Kein Austausch von Schicksalsromanen, in denen Schwester Angela im letzten Augenblick ihr Glück findet. Die Entscheidung fällt einsam, man behält das Kleid oder schickt es zurück. Dann bringt der DHL-Mann die Retoure wieder zurück nach Hamburg. Man hätte aber genau so gut bei Amazon oder Zalando oder anderswo bestellen können. Genau so anonym, genau so beliebig.
Sie stellte sich vor, wie die Großmutter und ihre Frau Kratochwill sich im Grab umdrehten.

Wien, 2019
Stuttgarter Zeitung vom 23.04.2021
Stuttgarter Zeitung vom 04.11.2021

Kürzestbiographie

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Am Anfang kämpfte sie gegen das allumfassende Himmelblau.
Dann gegen Chemie und Physik.
Dann gegen einen Geschichtsprofessor, dem sie nicht passte.
Dann gegen Arbeitgeber, denen sie zu sehr passte.
Dann gegen die Übermacht der Krankheit.
Dann kam einer, mit dem sie gemeinsam kämpfte.
Und feierte.
Das Leben.

Entleeren

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Die Worte fließen lassen. Entleeren, aufräumen, auf eine andere Ebene kommen. Den eigenen Kritiker, der tief innen drin sitzt, zum Schweigen bringen. Den eigenen Ansprüchen genügen. Mut fassen. Aus der Haut und wieder hinein fahren. Den richtigen Ton finden. Sich nicht an den anderen messen. Kurven drehen und immer wieder zu sich zurückkehren und bei sich bleiben.

Roter Rollkragenpullover

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Man hatte wenig fotografiert damals, sie wußte nicht einmal, wer überhaupt eine Kamera besaß. Aber sie meinte zu wissen, dass sie auch deshalb nicht fotografiert wurde, weil man nicht viel Zeit mit ihr verbrachte. Und ein ausgesprochen schönes Kind war sie auch nicht.

Da sie nie einen Kindergarten besucht hatte, gab es von ihr auch nicht  die Bilder, auf denen sie mit den anderen halb nackten Kindern fröhlich im Schwimmbassin herumsprang. Solche Fotos gab es von dem kleinen Bruder. Von ihr gab es immerhin ein Schulbild. Eines, das die Eltern gekauft hatten. Ein Schwarz-Weiß-Bild, fotografiert vom Profifotografen, abgezogen auf dickem Papier, 13 mal 18 Zentimeter groß.

Darauf zu sehen war ein kleines Mädchen in einem handgestrickten Rollkragenpullover, glatt rechts. Farbe unbekannt. Sie vermutet, dass er rot war. Denn rot waren damals alle ihre Sachen. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie die Mutter jemals mit Strickzeug gesehen hatte. Die hatte nicht stricken können, schon gar nicht so etwas Kompliziertes wie einen Pullover. Wo kam er also her, dieser Pullover, den sie an einem Tag in der ersten Klasse getragen hatte. Es war naheliegend, dass die Großmutter den Pullover gestrickt hatte, denn die beherrschte, wie alle anderen Hausarbeiten, auch das Stricken. Sie war immer Hausfrau gewesen und hatte dies von der Pike auf gelernt.

Später, als sie selbst in der zweiten und dritten Grundschulklasse im Handarbeitsunterricht stricken musste, hatte die Großmutter ihre Handarbeiten oft nachgebessert und manchmal aus Mitleid komplett übernommen. Sie fühlte sich dann so unbegabt wie die Mutter, die all diese Dinge nicht konnte.

Vielleicht hatte die Schule Fotos dieser Art anlässlich des ersten Schultags in Auftrag gegeben. Dann müsste da aber ein Kind mit einer Schultüte im Arm zu sehen sein. Hier aber saß ein Mädchen in einem Rollkragenpullover glatt rechts gestrickt, wahrscheinlich rot, vor einem aufgeschlagenen Buch. Eine Topfpflanze ragte von links ins Bild. Sehr wahrscheinlich war es nicht der erste Schultag.

Hier wurde im Klassenzimmer das Lesen und das allererste Lesebuch inszeniert. Sie selbst saß da in ihrem selbst gestrickten, wahrscheinlich roten Pullover und einer kleinen Uhr am rechten Armgelenk und würdigte das vor ihr liegende Buch keines Blickes.

Fibelbild

Stattdessen blickte sie in die Kamera, war ganz konzentriert auf den Akt des Fotografiertwerdens. Sieben Jahre war sie alt, sie war erst mit sieben eingeschult worden. Die Frisur sah so selbst gemacht aus wie der Pullover. Links waren die glatten Haare, die Großmutter nannte sie immer „fatzenglatt“, kürzer und endeten oberhalb des Ohrs, rechts waren sie etwas länger und gingen über das Ohr.

Der Pony war schief, wieder links kürzer als rechts. Wer hatte geschnitten? Die Großmutter jedenfalls, die eigentlich alles konnte, hatte nie Haare geschnitten. Man sah genau, dass einen Augenblick davor noch jemand mit einem Kamm und vielleicht mit Spucke nachgeholfen hatte. Das könnte die Großmutter gewesen sein. Weder hübsch noch glücklich sah das Schulkind aus, aber erwartungsvoll. Das wirklich bemerkenswerte an diesem Foto war, dass Geld dafür ausgegeben worden war, dass man Geld für ein Foto von einem Profi ausgegeben hatte. Für die Eltern waren normalerweise jedes Heft und jeder Stift ein Heft und ein Stift zu viel.

Das Gartenhaus

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Er hatte ein Loch in der Stirn. Man erzählte sich, dass er zu Fuß den langen Weg von Russland bis nach Hause gelaufen sei. Vielleicht war er auch im Güterwaggon gekommen. Von ihm selbst hat man es nicht erfahren. Nie erzählte er irgendetwas. Nie erfuhr man, ob auf ihn geschossen worden war. Nie, ob er getötet hatte. Geschweige denn, ob er Angst gehabt oder geweint hatte. Und wie war das Loch in seine Stirn gekommen? Ich durfte nicht fragen.

Nur aus den Erzählungen der Mutter wusste ich, dass der Großvater erst lange nach Ende des Krieges nach Hause gekommen war, völlig abgemagert in einem viel zu großen, schwarzen Ledermantel. Und mit dieser vernarbten Delle in der hohen Stirn.

Die beiden Brüder der Mutter kamen noch kurz vor dem Krieg auf die Welt, die Mutter selbst und eine Schwester waren im Heimaturlaub gezeugt und in Abwesenheit des Vaters geboren worden. Nach seiner Rückkehr machte der Großvater weitere Kinder, zwei Töchter und einen Sohn, so dass es insgesamt sieben waren. Eigentlich acht, aber eines ist bald nach der Geburt gestorben.

Er, der vor dem Krieg an einem Werktisch saß und Goldschmuck anfertigte und reparierte, arbeitete nach dem Krieg mit Hacke und Schaufel. Und auch diese Stelle beim städtischen Straßenbau hatte der Großvater nur bekommen, weil seine Familie kinderreich war.

Der Großvater bewirtschaftete einen Garten, den er von der Stadt gepachtet hatte. Er pflanzte Kartoffeln, Bohnen, Krautköpfe, gelbe Rüben, rote Beete, Kräuter und zu meinem großen Glück Erdbeeren an. Und es gab Apfel-, Zwetschgen- und Birnbäume. Und einen Quittenbaum. Dieser Garten hieß nicht Garten wie die Fläche hinter dem Haus, wo Salat, Beerensträuche und Blumen wuchsen. Er hieß »Gütle« und war ein paar Hundert Meter vom Haus entfernt und gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erreichen. Auch die Großmutter hätte dorthin radeln können, hat aber gar nie einen Fuß in diesen Garten gesetzt.

Da im Gütle gab es ein kleines gemauertes Haus. Es war drinnen mit Bildern aus der Praline und der Neuen Revue tapeziert. Frauen mit großen Busen, deren Brustwarzen nach oben zeigten, mit strahlend blauen Augen und langen blonden Haaren. Diese Frauen waren oben herum nackt, unten herum nur mit einem knappen Schlüpfer bekleidet.

Der Großvater hatte sie aus den Heften heraus gerissen, die er sich regelmäßig an der Tankstelle, ein paar Meter die Straße runter, holte. Solche Frauen gab es in meiner Familie nicht. Die Tanten und die Mutter waren braunhaarig und hatten kleine Brüste, die Großmutter war klein und füllig.

Obwohl ich die Lieblingsillustrierten des Großvaters, von denen die aktuellsten immer auf dem Couchtisch im Wohnzimmer auslagen, anschauen durfte, durfte ich das Gartenhaus nie betreten. Niemand außer ihm selbst ging da hinein. Er selbst aber verschwand darin und kam stundenlang nicht mehr heraus. Manchmal stellte ich mich auf die Zehenspitzen und schaute durch das kleine Fenster hinein. Viel konnte man nicht erkennen, denn die Scheiben waren schmutzig und voller Spinnweben.

Ein Tisch, ein Stuhl, eine leere Bierflasche, viele nackte Frauen.

Und er selbst saß am Tisch und hatte den Kopf auf die Tischplatte gelegt.

Busenheftle: Neue Revue Nr. 4/1970

AHA, AHA, AHA*

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Zwischen den Fingern, um die Daumen herum,

Hände waschen, Hände waschen.

Weg mit dem Virus, weg von mir.

Geh weg. Schleich di. Fick dich.

Viel Schaum und zweimal Happy Birthday.

Hahaha.

Die Seife geht aus.

Aus.

Hahaha.

Wo ist der Hausschlüssel.

Hab ich die Maske.

Ist der Einkaufswagen desinfiziert.

Die anderen.

Halten die Abstand, sind die gesund, machen die gut mit.

Ich lasse sie nicht an mich heran.

Weg von mir.

Hahaha.

Keine Nähe.

Selbstgewählt.

Fremdbestimmt.

Sich zurückziehen, sich abschotten.

Nicht gemeinsam essen, trinken, feiern,

nicht reisen.

Lockdown. Und noch ein Lockdown.

2020 eine Nullnummer. Aus dem Leben streichen.

Alte sterben wie Fliegen.

Junge fühlen sich unsterblich.

Rettung naht, der Impfstoff kommt.

Hahaha.

Alles wird gut.

Hahaha.

Klage nicht!

*Die Corona-Formel im Jahr 2020: AHA = Abstand + Hygiene + Alltagsmaske

Mit Maske im Zug nach München, Sommer 2020

Weißensteiner Straße 184

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Graffito, Bonatzbau Stuttgart, 2020

Wenn ich mit schmeichelnder Stimme »bsss bsss bsss, Mohrle komm, Mohrle komm, bsss, bsss, bsss, Mohrle komm, komm, komm« rief, kamen zwei Katzen angerannt. Beide hießen Mohrle. Schwarze Katzen gab es nie, die brachten Unglück. Warum trotzdem alle Mohrle hießen, erfuhr ich nie. Wenn die Katzen erkannten, dass nur ich, das Kind, mit leeren Händen dastand, kamen sie nicht näher. Ich war enttäuscht, ich hätte sie so gerne gestreichelt.

Was ist die früheste Erinnerung an den Ort meiner Kindheit? Ich meine nicht die Geschichten, die einem so oft erzählt werden, bis sie einem wie die eigene Erinnerung vorkommen. Ich meine das, was ich als Kind erlebt und mit meinen Sinnen wahrgenommen habe und heute noch erinnere.

Eine einfach zu erklärende Heimat habe ich nicht. Nicht mehr. Zumindest stellen sich keine heimatlichen Gefühle ein, wenn ich heute durch die Straßen der Stadt gehe, in der ich geboren wurde. Geblieben sind nur Fetzen der Erinnerung, verwischte Ereignisse, verblasste Gesichter.

Den hohen Zaun gibt es noch. Wie damals bewegt sich auf der einen Seite des Zauns der Verkehr stadtauswärts in die nahe gelegenen Dörfer, stadteinwärts aus den Dörfern zurück ins Zentrum der mittelgroßen Stadt. Auch die Bushaltestelle gegenüber ist noch da. Der Verkehr ist dichter geworden und lauter. Und die Häuserblocks gegenüber, die jetzt noch da stehen, wo sie früher schon standen. Viel früher noch waren dies Holzbaracken. Baracken, in denen im und nach dem Krieg Flüchtlinge unterkamen. Vor denen, die mit dem Rucksack gekommen waren, hat man mich als Kind immer gewarnt. Ich fand an Rucksäcken nichts schlimmes, mit Eva durfte ich trotzdem nicht spielen. Heute sehen die Wohnblocks freundlicher aus, haben angebaute Balkone, und da hängen Kästen mit roten Geranien, blauen Petunien, lustigen Fröschen mit Glupschaugen und Porzellanenten mit Strohhüten.

Auf meiner Seite des Zauns gab es keine Spielkameradinnen, dafür eine große Blumenwiese. Ich liebte den Geruch und die Farben der gelben, blauen, knallorangen und roten Blumen, deren Namen mir niemand sagte. Auch den Löwenzahn, den wir Bettscheißer nannten, mochte ich, obwohl der weiße Milchsaft aus den Stängeln grässliche Spuren auf der Hose hinterließ. Besonders gerne pflückte ich einen bunten Strauß für die Großmutter, die ihn dann ohne große Freude entgegennahm, weil für sie alles, was aus dem Garten kam, irgendwie mit Arbeit verbunden war. Manchmal hat der Großvater den Blumen die Köpfe abgeschnitten, bevor ich sie pflücken konnte. Er brauchte Futter für seine Tiere.

Die Blumenwiese war eine große unbebaute Fläche neben dem Haus. Hinter dem Haus gab es einen großen Hof, eine Garage und ein Gartenhaus. Man nannte es Gartenhaus, weil es im Garten stand, wo der Großvater Kopfsalat, Stachel- und Himbeeren, rote und schwarze Träuble und Blumen anpflanzte. Der alte Mann, der ein Stockwerk tiefer wohnte, hatte in seinem Garten auch Tomaten. Der Großvater hatte kein Glück mit Tomaten. Man nannte das Gartenhaus Gartenhaus, obwohl es gleichzeitig die Funktion eines Stalls hatte, denn außer den beiden Katzen wohnten dort auch ein paar Hühner und ein Hahn, die frei herumlaufen durften und Hasen, die in kleinen selbstgebauten Ställen untergebracht waren. Noch vor meiner Zeit hielt der Großvater Geißen und züchtete große bissige Hunde. Es roch nach Heu und Gras und nassem Fell und den Hinterlassenschaften der Tiere. Und das Gartenhaus war nicht nur Stall, sondern auch Werkstatt, denn der Großvater machte dort kleinere Reparaturen.

Daneben die Garage. Die Garage hieß Garage, obwohl es sich in Wirklichkeit um eine Werkstatt handelte, in denen der Großvater größere Reparaturen mit größeren Werkzeugen an einer richtigen Werkbank machte. Gar nie stand ein Auto darin, denn die Großeltern konnten sich, glaube ich, kein Auto leisten. Womöglich besaß der Großvater überhaupt keinen Führerschein, die Großmutter hatte ganz bestimmt keinen. Die war schließlich Hausfrau, brauchte gar keinen Führerschein. Die Einkäufe erledigte sie mit dem alten Damenrad beim Sparladen zwei Straßen weiter. Die Werkstatt hieß jedenfalls Garage, weil sie ein Garagentor hatte und theoretisch hätte man ein Auto dort hineinstellen können. Es standen aber immer nur zwei Fahrräder und ein Fahrradanhänger darin.

Es gab klare Regeln.

Nur zwei Katzen durften leben, nur zwei wurden mit Küchenabfällen und mit verdünnter Milch gefüttert. Es waren kleine Rationen, denn sie sollten sich hungrig auf die Jagd nach Mäusen machen. Und nach Ratten, die vom Bach heraufkamen. Und zwei Katzen auch nur deshalb, weil ja immer damit gerechnet werden musste, dass eine auf der großen Straße vor dem Haus überfahren wurde. Wenn eine Katze Junge bekam, ahnte sie wohl, dass diese in Gefahr sein würden und versteckte sie im Gartenhaus ganz oben zwischen den Dachbalken oder ganz hinten im Heu. Ich wünschte mir immer, dass der Großvater die Kätzchen nicht finden würde. Es half nichts, der Großvater kannte alle Verstecke. Die überzähligen Kätzchen nahm der Großvater an den Hinterbeinen und schlug sie gegen das Garagentor oder tunkte sie in einen Eimer mit kaltem Wasser.

Die Hühner, denen er auf dem Hackblock, der vor der Garage stand, mit dem Beil den Kopf abgeschlagen oder die Hasen, denen er das Fell abgezogen hatte, wurden mit dem Kopf nach unten außen an das Garagentor gehängt.

Der Großvater fand nichts dabei, wenn ich zuschaute. Schließlich zog er seine Tiere groß, um sie zu verkaufen. Oder um sie zu essen. Dann schlachtete er sie, und die Großmutter machte einen Sonntagsbraten daraus. Mit viel Soße, Kartoffelsalat und grünem Salat aus dem Garten. Und handgeschabten Spätzle. Der Großvater legte großen Wert darauf, nur Selbstgeerntetes und Selbstgemachtes zu essen.

Zu Ostern durfte man im Hof mit den frisch geschlüpften Küken spielen, die so gelb, so flaumig, so weich waren. Einmal habe ich einem Biberle versehentlich ein Bein abgebrochen. Das war schrecklich. Der Großvater brachte es weg und sagte »pass in Zukunft besser auf«.

Ich liebte es, in Großvaters Garten zu sein. Den modrig-feuchten Geruch des Gartenhauses mochte ich, die unheimlichen, dunklen Ecken mit den großen Spinnweben, wo ich mich gut verstecken konnte, auch wenn es niemand gab, der mich hätte suchen und finden wollen. Ich liebte die dicken fetten Himbeeren und die gelbreifen Stachelbeeren, die ich mir direkt vom Strauch in den Mund stecken durfte. Ich liebte es, Parfum aus Rosenblättern zu kochen und Kränze aus Gänseblümchen zu binden.

Der Großvater war ein kräftiger Mann von knapp ein Meter neunzig, der mit nacktem Oberkörper in der sengenden Sonne den Garten umgrub, die Wiese mähte oder seine Ernte aus dem Gütle auf dem Anhänger hinter seinem Fahrrad herzog. Im Sommer thronte er samstags nur mit einer kurzen Hose bekleidet und braun gebrannt inmitten seiner prächtig blühenden Rosenbüsche auf einer Gartenbank im Garten hinter dem Haus, von den Damen aus der Nachbarschaft umgeben. Sie hingen an seinen Lippen, während die Großmutter Kaffee und selbst gebackenen Apfel-, Zwetschgen- oder Birnenkuchen servierte, den sie über zwei Treppen und den ganzen Hof nach hinten schleppte. Im Winter saß der Großvater samstags in einer dicken Wollweste mittig auf der Wohnzimmercouch, Neue Revue und Praline immer griffbereit vor sich auf dem Couchtisch, das Farbposter mit den Camarguepferden, die spritzend durchs Wasser galoppierten, über sich. Er hatte dieses »Gemälde« auf eine Holzplatte aufgezogen, und weil es ihm ein bisschen verrutscht war, hatte er an der Ecke links unten mit grüner Holzfarbe, die vom Zaunstreichen übrig geblieben war, nachgebessert. Auch in seinem Wohnzimmer hielt er Hof, auch hier scharte er die Nachbarinnen, Frauen, die keinen Mann abbekommen hatten oder deren Männer im Krieg geblieben waren, um sich. Während er auf dem Sofa saß, mittig, damit sich niemand neben ihn setzen konnte, sich dort von der Großmutter Kaffee und Kuchen servieren ließ, sammelten sich die Damen um den Esszimmertisch, der im gleichen Zimmer stand und ließen sich dort bedienen. Die Frauen kamen als Freundinnen der Großmutter, lauschten aber dem Großvater und schienen seine Geschichten aufregend zu finden. Er erzählte vom alljährlichen Ausflug mit dem Geißenzuchtverein, seinen neuen Düngemethoden mit Schafsmist und davon, welche Berge er in diesem Jahr geerntet hatte. Sie bewunderten seine Männlichkeit, seine Größe, sein volles schwarzes Haar, den flachen Bauch. Über ihren eigenen Kummer redeten sie nicht. Auch ging es nie um Politik. Dem leckeren Kuchen waren die Frauen nicht abgeneigt, der Großmutter aber schenkten sie wenig Beachtung. Im Gegenteil: Immer wieder wurde halb im Scherz, halb im Ernst die Frage in den Raum gestellt, warum diese kleine, dicke Frau diesen großen attraktiven Mann abbekommen hatte.

Die Großeltern lebten ihr Leben lang, vor dem Krieg, im Krieg, nach dem Krieg in dieser Mietwohnung am südlichen Ende der Stadt. Eng war es da. Die kleine Dreizimmerwohnung ohne Badezimmer, in der einmal neun Personen gelebt hatten, die zwei alten Fahrräder und der Keller voller Vorräte waren nichts zum Herzeigen. Ich fand es gar nicht eng da. Der Garten war riesig, die Blumenwiese auch. Den wohligen Geruch meiner Großmutter, die immer nach Kuchen und frischer Wäsche roch und den Duft der Blumen meine ich noch zu riechen. Und den Geschmack der reifen Beeren zu schmecken.

Am Ende ihres Lebens brachte man erst den Großvater, später die Großmutter einfach über die Straße. Denn auf der anderen Seite des Zauns und der großen Straße befanden sich nicht nur die Wohnblocks und das Gütle, sondern auch der Friedhof.

Seit die Großeltern tot sind, gibt es diesen Ort meiner Kindheit nicht mehr. Obwohl das Haus Weißensteiner Straße 184 noch immer da steht, wo es damals stand. Gartenhaus und Garage wurden durch ein weiteres Wohnhaus ersetzt. Unbekannte Menschen leben da. Trotz der hohen Quadratmeterpreise gibt es die unbebaute Fläche neben dem Haus noch, die Blumenwiese aber ist verschwunden. Nur noch Gras steht da. Und das Gütle wurde von dem um ein Vielfaches gewachsenen Friedhof verschluckt.

Bilder verblassen. Nur die ungefähre Erinnerung an eine verschwundene Welt bleibt zurück. Ein paar Spuren, keine Fotos. Fotografiert hat man damals nicht.

An Samstagen bekam ich den Auftrag, mit dem Messer das Unkraut zwischen den Wegplatten herauszukratzen. Oder die Erdbeeren im Gütle mussten geerntet werden. Ungeliebte Einsätze, bei denen man auf dem Boden herumkriechen musste. Und diese Beeren durften nicht in meinem Mund landen, sondern mussten auf den Küchentisch der Großmutter. In der kleinen Küche, in die sie gerade so hineingepasst hat, wusch und putzte sie alles, was aus dem Garten kam, und kochte es ein. Weckgläser wurden gefüllt und hinunter in den Keller getragen. Da gab es Himbeer- und Erdbeermarmelade, Quitten- und Träublesgelee, Zwetschgenkompott, Apfelbrei, Stachelbeeren in Zuckerwasser, eingelegte Bohnen und saure Gurken en masse. Wenn ich das Messer nicht richtig ansetzte, in seinen Augen zu schlampig arbeitete oder heimlich eine Beere in den Mund steckte, bekam ich vom Großvater ein paar hinter die Ohren. Erledigte ich meine Sache gut, bekam ich am Sonntag, wenn nicht die Nachbarinnen, sondern die Familie zu Kaffee und Kuchen da war, fünfzig Pfennig für ein Vanilleeis mit Schokoladenüberzug und wurde zur Esso-Tankstelle ein Stück die Weißensteiner Straße hinunter geschickt. »Ein Mohrle bitte«, sagte ich dann zum Tankwart und legte mein selbst verdientes Fuffzgerle auf den Tresen.

Träuble, Rehenhof, Sommer 2020