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Ottos Ende

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Manchmal nachmittags, wenn die Küche blitzblank sauber war, zog die Großmutter die Schürze aus, ein frisches Kleid an und ging mit der Bürste kurz durch die dünnen dauergewellten Haare. Dann stand ein Höhepunkt im ansonsten recht gleichförmigen Leben der Großmutter an.
»Darf ich mit«, fragte sie dann die Großmutter, obwohl sie genau wusste, dass die Großmutter sie mitnehmen würde, weil sie sie mitnehmen musste. Wo hätte sie sie auch lassen sollen. Die Großmutter holte das Fahrrad aus der Garage, die eigentlich keine Garage war, denn ein Auto hatten die Großeltern gar nie besessen. An den Lenker hängte sie die große Tasche, so dass das Fahrrad ein bisschen Schlagseite hatte und von der Großmutter im Gleichgewicht gehalten werden musste. Denn wie immer schob die Großmutter ihr Rad, das sie kaum überragte. Sie selbst, die sie gerade sieben geworden war und im Herbst endlich in die Schule kommen würde, stakste mit ihren langen dünnen Beinen nebenher. Eine längere Strecke lag vor ihnen. Erst kam man am Edeka-Barsch, dann an der Mangelstube von Frau Stegmaier vorbei. Immer wieder grüßte die Großmutter Menschen, die »Grüß Gott Frau Knödler« zu ihr sagten, die sie vom Einkaufen beim Barsch, vom gemeinsamen Mangeln der Bettwäsche oder aus dem Geißenzuchtverein kannte. Stehen blieb sie aber gar nie. Der Großvater züchtete längst keine Ziegen mehr, hatte nur noch Hühner und Hasen hinter dem Haus mit den drei Mietpartien, aber die Mitgliedschaft im Verein, der alljährliche Wandkalender mit den prämierten Tieren und die zweitägige Busreise zu Sehenswürdigkeiten und die Geselligkeit waren ihm nach wie vor wichtig. Die Großmutter dagegen legte weder Wert auf den Kalender noch auf diese Ausflüge. Sie blieb lieber daheim.
Am Ende der langen Straße mussten sie den Berg hinauf, die Großmutter schob das Fahrrad langsam bergan und schnaufte heftig. Die Mühe sollte belohnt werden: Frau Kratochwill hatte Kaffee gekocht. Frisch gebrühter Kaffee in einer goldgeränderten Kaffeekanne stand auf dem Tisch, dazu passende Tassen mit Goldrand und Rosendekor. Es gab auch Kuchen. Zu Frau Kratochwill ging man aber nicht, um Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Man ging zu ihr, um in den Ottokatalogen und in den Neckermannkatalogen zu blättern, um dies und das zu vergleichen, um sich Rat zu holen, schließlich eine Wahl zu treffen und zu bestellen. Frau Kratochwill betrieb in ihrem Esszimmer eine Bestellagentur. Da man aber nicht mit der Tür ins Haus fallen wollte, saß man erst einmal gemütlich am Tisch und trank Kaffee, Frau Kratochwill rauchte eine Zigarette dazu.
Sie selbst wollte gerne dabei bleiben, wenn die erwachsenen Frauen über Farben und Größen fachsimpelten, den Kuchen aber mochte sie nicht und für Kaffee war sie zu klein. »Geh doch ein bisschen spielen«. Man sagte ihr nicht, was sie spielen sollte und auch nicht, womit. Gerne hätte sie einen der Kataloge mit nach draußen genommen, hätte darin geblättert und die eine oder andere Dame in einem schicken Kostüm und mit blonden hochtoupierten Haaren ausgeschnitten und zuhause in ein Heft geklebt.
Sie bekam aber nur ein Glas süßen Sprudel in die Hand gedrückt und wurde nach draußen in den Garten geschickt. Da war es langweilig, so alleine, ein bisschen unheimlich war es auch, weil das Haus keine Nachbarn hatte und am Waldrand stand. Sie streifte ziellos umher, sammelte Blätter und Blüten und dachte sich aus, was sie alles bestellen würde, wenn sie größer wäre und Geld hätte. Da waren schöne Puppen mit blauen Augen und langen blonden Haaren in den Katalogen. Zuhause hatte sie Elsa, die sie gerne mochte, aber die leider keine Haare hatte. Und Paula, die schwarzes Haar hatte, das man zusammenbinden konnte, und die die Augen auf- und zu machen konnte, aber leider ein bisschen klein war. Die im Katalog sahen viel größer und echter aus als die dicke Elsa und kleine Paula, die sie von der Großmutter zu Weihnachten vor einem Jahr und zu Weihnachten vor zwei Jahren bekommen hatte. Gerne hätte sie neue Kleider für Elsa und Paula ausgesucht und Frau Kratochwill den Auftrag gegeben, diese für sie zu bestellen. Bis jetzt mussten die beiden die Sachen auftragen, die die Großmutter für sie genäht hatte. Wenigstens roch es da draußen nicht nach Katzen und nicht nach Zigarettenrauch, und sie musste sich nicht einen Platz suchen zwischen den ganzen Hemden, Hosen, Kleidern, Nachthemden, Schuhabstreifern, Küchenmaschinen und den vielen anderen Dingen, die das Esszimmer von Frau Kratochwill füllten. Es gab immer ein großes Durcheinander von Waren, die noch in Papier eingeschlagen oder bereits ausgepackt waren. Das Papier lag achtlos daneben oder zerknüllt auf dem Boden. Bevor man sich zu Kaffee und Kuchen an den Tisch setzen konnte, galt es erst einmal einen Stuhl und manchmal sogar ein Stück des Tisches frei zu räumen. Die Kataloge und die daraus stammenden Dinge lagen wirklich überall herum. Und dann noch Maßbänder, um Körperumfang und Busen der Kundinnen abzumessen und die richtige Größe zu ermitteln. Und Stecknadeln für den Fall, dass etwas geändert werden musste. Frau Kratochwill konnte an ihrer Nähmaschine ganz schnell etwas enger oder kürzer machen, das war eine Art kostenloser Extraservice. Nicht zu vergessen all die Katzen, die auch überall herumlagen, auf den freien Stühlen, dem Sofa, den Bestellungen. Sie wusste gar nicht, warum die Großen sie nicht dabei haben wollten, denn geredet wurde eigentlich nicht viel. Frau Kratochwill fragte die Großmutter ein ums andere Mal »wie geht es Ihnen denn?«. Und wie dem Mann und wie den Kindern? Die Großmutter antwortete dann »gut«, so wie sie immer antwortete.
Manchmal, wenn man ihre Anwesenheit vergessen hatte, blieb sie, setzte sich zu den Katzen aufs Sofa und blätterte in den Katalogen mit den schönen Menschen und den schönen Sachen, und sie wusste genau, was sie sich wünschen würde, wenn man sie fragen würde. Aber sie wurde nicht gefragt, denn die Großmutter war in eigener Sache da. Heimlich schaute sie dabei zu, wie die Großmutter und die anderen Frauen sich hinter den Paravent quetschten, der in einer Ecke des Esszimmers stand. Denn da konnte man, wenn man wollte, alles anprobieren und gemeinsam mit Frau Kratochwill begutachten.
»Oh, wie schön Sie aussehen«, sagte Frau Kratochwill dann oder »die Farbe steht Ihnen aber besonders gut« oder »das passt ja wie angegossen«.
Ob die Großmutter für den Besuch bei Frau Kratochwill ein bisschen zusätzliches Geld von dem Großvater bekam oder ob sie es sich vom Haushaltsgeld abgespart hatte, indem sie ein bisschen weniger Wurst gekauft oder doch immer wieder auf Sonderangebote beim Barsch zurückgegriffen hatte, wusste sie nicht. Dass der Großmutter kein eigenes Geld zur Verfügung stand, weil der Großvater der Verdiener und Bestimmer war, das wusste sie schon.
Jedenfalls bestellte die Großmutter sich dann und wann ein Kleid, eine Schürze, ein Nachthemd oder einen BH oder einen Satz weiße Unterhosen. Sie hatte aber auch beobachtet, dass die Großmutter manchmal zu Frau Kratochwill ging, wenn sie gar kein Geld hatte und nicht bestellen wollte, einfach nur, um in den Katalogen zu blättern. Oder um Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Nein, um einmal bedient zu werden. Und um Gesellschaft zu haben.
Genau genommen besaß die Großmutter zwei Kleider, die im Schnitt identisch waren. Modell Sieglinde von Otto, Bestellnummer 3.011 aus der Abteilung Damenoberbekleidung, große Größen. Eines war braun mit kleinen hellblauen Blümchen und eines hellblau mit kleinen braunen Blümchen.
Ersteres, das braune mit den hellblauen Blümchen, trug sie unter der Woche, aber nur, wenn sie das Haus verlies. Um zum Barsch, zur Mangelstube oder zu Frau Kratochwill zu gehen. Man sagte, es sei pflegeleicht. Das andere, das hellblaue mit den braunen Blümchen, trug sie am Sonntag. Da verließ sie zwar nicht das Haus, aber da kamen andere zu ihr, um sich an ihren Tisch zu setzen und Kaffee zu trinken und den selbst gebackenen Kuchen zu essen. Weil es hellblau war, galt es als freundliches Kleid. Pflegeleicht war es sowieso. Sonntags steckte sie sich eine kleine goldene Brosche an den großen Busen. Beide Kleider, das werktägliche und das sonntägliche, konnte man von Hand waschen, und sie waren blitzschnell wieder trocken. Die Kittelschürzen, die sie werktags anstelle des Kleides trug, wenn sie das Haus nicht verließ, um zum Barsch, zur Mangel oder zu Frau Kratochwill zu gehen, waren braun mit kleinen hellblauen Blümchen oder hellblau mit kleinen braunen Blümchen. Während alle Kleider kurze Ärmel hatten, die Großmutter trug sie auch im Winter mit einer dünnen Strickjacke darüber, waren die Schürzen ärmellos. Die Bewegungsfreiheit musste immer gewährleistet sein. Wenn sie die Kochwäsche im Topf auf dem Gasherd mit einem großen Holzlöffel umdrehte. Wenn sie den Hefeteig für das Blech voll Apfel- oder Zwetschgenkuchen schlug. Wenn sie für ihre Maultaschen Rindfleisch, Spinat und Rauchfleisch durch den Wolf kurbelte. Wenn sie Berge von Kartoffelsalat fabrizierte. Wenn sie die vielen Früchte aus dem Garten hinter dem Haus, für deren Ernte der Großvater zuständig war, verarbeitete. Entweder sie wurden in Weckgläsern mit Zuckerwasser eingemacht oder zu süßer Marmelade verkocht. Wenn sie die Fenster, die immer blitzen mussten, putzte und den Steinboden ihrer kleinen Küche wischte. Kalt wurde es der Großmutter gar nie. Weil die Schürzen in die große Wäsche gehörten und seltener gewaschen wurden, hatte sie vier davon.
Ob die Großmutter Blümchen mochte oder ob die Blümchen ihrer Körperfülle und der Größe 52 geschuldet waren, vermochte sie nicht zu sagen. Sie kannte die Großmutter nur so, in Braun und Hellblau. Und nur mit Blümchen.
Wenn eines der Kleider ersetzt werden musste, weil es durch war und die finanzielle Situation es erlaubte, besuchte man Frau Kratochwill, bestellte aus dem Katalog, um ein, zwei Wochen später noch einmal hinzugehen.
Frau Kratochwill hatte Telefon, die Großeltern aber nicht. Also ging die Großmutter auf gut Glück hin, mit dem Ziel, Kaffee zu trinken, Kuchen zu essen, die bestellte Ware auszupacken und vor Ort anzuprobieren. Vielleicht hoffte sie sogar darauf, dass sie den Weg vergeblich machen würde. Denn wenn das Bestellte noch nicht eingetroffen war, würde sie das Fahrrad einfach ein weiteres Mal den Berg hinaufschieben.
Alle Kleider kamen von Otto. Schürzen und Unterwäsche und Nachthemden von Neckermann. Die Unterhosen und Unterhemden passten immer. Gefiel oder passte aber das neue Kleid nicht, was eher unwahrscheinlich war, da es sich ja immer um das Modell Sieglinde von Otto, Bestellnummer 3.011, aus der Katalogabteilung Damenoberbekleidung, große Größen, in Größe 52 handelte, war dies ein großes Glück. Dann schickte Frau Kratochwill das Kleid zurück und orderte ein neues, und man bekam ein weiteres Mal die Gelegenheit, Kaffee plus Kuchen in Anspruch zu nehmen. Passten aber die Sachen, schrieb Frau Kratochwill handschriftlich alle Posten auf einen Zettel, machte einen Strich darunter und rechnete zusammen. Die Großmutter schaute gar nicht hin und zahlte in bar. Damit war der Einkauf beendet. Waren noch andere Frauen da, gab es manchmal ein Gläschen Eierlikör. Dann wurde Auspacken, Anprobieren und Bezahlen zum Fest. Ganz nebenbei wurde auch noch Lesestoff getauscht.
Die Großmutter war in unbeobachteten Momenten eine große Leserin. Wann immer es ging, zog sie sich in das sogenannte »dritte Zimmer«, es war das ehemalige Kinderzimmer in der Dreizimmer-Wohnung der Großeltern, zurück. Dieses Zimmer, das jetzt Nähzimmer, Badezimmer und Gästezimmer in einem war. Und Lesezimmer. Da auf dem Gästebett, das zum Sofa zusammengeklappt war, und auf dem gar nie ein Gast übernachtet hatte, machte sie sich es bequem und schmökerte in ihren Romanen. Da gab es Liebes- und Arztromane vom Bastei-, Pabel-, Moewig- oder Kelterverlag, die sie verschlang, obwohl sie sich mit der Liebe nicht auskannte und Ärzte gar nicht mochte. Sobald so ein Heftle ausgelesen war, verschwand es in der großen Tasche und wurde bei nächster Gelegenheit gegen ein neues Schicksal eingetauscht.
Der Großvater sah die Besuche bei Frau Kratochwill nicht gerne. Nicht weil er fand, dass die Großmutter zu viel Geld für sich und ihr Aussehen ausgab, sondern, weil er nicht gerne sah, dass sie aus dem Haus ging und sich mit anderen amüsierte. Sie sollte zuhause sein, wann immer er nach Hause kam. In seinen Augen war sie eine Hausfrau und damit für den Haushalt zuständig. Außerdem hieß es allgemein, die Kratochwill sei geschäftstüchtig und würde die Kundschaft bescheißen, auch sähe sie aus wie eine Hexe mit den rotgefärbten Haaren und der spitzen Nase. Außerdem rauche sie und das gehöre sich nicht für eine Frau. Und ein »Flichtling, mit dem Rucksack gekommen«, sei sie auch noch. Und dann seien da noch die Katzen, die auf den neuen Sachen herumlägen, das könne man doch niemanden zumuten. Noch nicht einmal der Kuchen sei selbst gebacken, die könne ja gar nicht backen, diese Hexe, dieses Flüchtlingsweib. Und dieser ewige Zitronenkuchen mit Zuckerglasur stamme doch vom Barsch, sei bestimmt ein Sonderangebot oder ein Ladenhüter. Trocken und alt.
Die Großmutter störte dies alles nicht. Ihr war es wichtig, dass man freundlich zu ihr war, dass sich jemand um sie kümmerte. Dass man sie als Kundin ernst nahm. Sie genoss es, so etwas wie eine Freundin zu haben, auch wenn die beiden immer »Sie« zueinander sagten, »Frau Kratochwill« und »Frau Knödler«, und es nie eine Begegnung außerhalb der Bestellagentur gab. Auch mit den anderen Frauen nicht.
Sie konnte sich immer darauf verlassen, dass der Besuch bei Frau Kratochwill sich nicht zu lange hinziehen würde, denn das Abendessen für den Großvater musste pünktlich um fünf auf dem Tisch stehen. Auf dem Rückweg ging es zwar bergab, aber der Fußmarsch musste trotzdem gut kalkuliert sein. Die Tasche am Lenker war nicht leichter geworden – und die Großmutter auch nicht.
Jetzt, fünfzig Jahre später, gab Otto bekannt, dass der Katalog Frühjahr/Sommer 2019 der allerletzte sein wird. Neckermann hatte diesen Schritt bereits 2012 getan. Den Otto-Katalog, die Konsumbibel, in der man stundenlang blättern konnte, den Inbegriff aller materieller Sehnsüchte, gab es 68 Jahre lang. Er hat die Großmutter, Frau Kratochwill und die anderen Frauen nach dem Krieg in die Moderne begleitet. Er hat sie überlebt. Der von Otto erfundene Rechnungskauf hatte die Bestellagentur überhaupt erst möglich gemacht. Vorbei. Für immer vorbei. Bestellungen bei Otto in Zukunft nur noch online. Jeder ist heute seine eigene Bestellagentur: Anklicken, in den Warenkorb schieben, mit Kreditkarte bezahlen, das Paket vom DHL-Man an der Haustüre in Empfang nehmen. Für Neukunden gibt es den »Neukunden-Code«, 15 Euro Rabatt und eine »gratis Liefer-Flat«. Da steht man dann alleine vor dem Spiegel, kein Mensch sagt einem, dass das Kleid gut sitzt oder dass man es schnell noch ein bisschen abändern kann. Niemand steht mit Maßband und Stecknadeln bereit. Niemand kocht Kaffee. Niemand serviert Zitronenkuchen. Kein Austausch von Schicksalsromanen, in denen Schwester Angela im letzten Augenblick ihr Glück findet. Die Entscheidung fällt einsam, man behält das Kleid oder schickt es zurück. Dann bringt der DHL-Mann die Retoure wieder zurück nach Hamburg. Man hätte aber genau so gut bei Amazon oder Zalando oder anderswo bestellen können. Genau so anonym, genau so beliebig.
Sie stellte sich vor, wie die Großmutter und ihre Frau Kratochwill sich im Grab umdrehten.

Wien, 2019
Stuttgarter Zeitung vom 23.04.2021

Das Gartenhaus

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Er hatte ein Loch in der Stirn. Man erzählte sich, dass er zu Fuß den langen Weg von Russland bis nach Hause gelaufen sei. Vielleicht war er auch im Güterwaggon gekommen. Von ihm selbst hat man es nicht erfahren. Nie erzählte er irgendetwas. Nie erfuhr man, ob auf ihn geschossen worden war. Nie, ob er getötet hatte. Geschweige denn, ob er Angst gehabt oder geweint hatte. Und wie war das Loch in seine Stirn gekommen? Ich durfte nicht fragen.

Nur aus den Erzählungen der Mutter wusste ich, dass der Großvater erst lange nach Ende des Krieges nach Hause gekommen war, völlig abgemagert in einem viel zu großen, schwarzen Ledermantel. Und mit dieser vernarbten Delle in der hohen Stirn.

Die beiden Brüder der Mutter kamen noch kurz vor dem Krieg auf die Welt, die Mutter selbst und eine Schwester waren im Heimaturlaub gezeugt und in Abwesenheit des Vaters geboren worden. Nach seiner Rückkehr machte der Großvater weitere Kinder, zwei Töchter und einen Sohn, so dass es insgesamt sieben waren. Eigentlich acht, aber eines ist bald nach der Geburt gestorben.

Er, der vor dem Krieg an einem Werktisch saß und Goldschmuck anfertigte und reparierte, arbeitete nach dem Krieg mit Hacke und Schaufel. Und auch diese Stelle beim städtischen Straßenbau hatte der Großvater nur bekommen, weil seine Familie kinderreich war.

Der Großvater bewirtschaftete einen Garten, den er von der Stadt gepachtet hatte. Er pflanzte Kartoffeln, Bohnen, Krautköpfe, gelbe Rüben, rote Beete, Kräuter und zu meinem großen Glück Erdbeeren an. Und es gab Apfel-, Zwetschgen- und Birnbäume. Und einen Quittenbaum. Dieser Garten hieß nicht Garten wie die Fläche hinter dem Haus, wo Salat, Beerensträuche und Blumen wuchsen. Er hieß »Gütle« und war ein paar Hundert Meter vom Haus entfernt und gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erreichen. Auch die Großmutter hätte dorthin radeln können, hat aber gar nie einen Fuß in diesen Garten gesetzt.

Da im Gütle gab es ein kleines gemauertes Haus. Es war drinnen mit Bildern aus der Praline und der Neuen Revue tapeziert. Frauen mit großen Busen, deren Brustwarzen nach oben zeigten, mit strahlend blauen Augen und langen blonden Haaren. Diese Frauen waren oben herum nackt, unten herum nur mit einem knappen Schlüpfer bekleidet.

Der Großvater hatte sie aus den Heften heraus gerissen, die er sich regelmäßig an der Tankstelle, ein paar Meter die Straße runter, holte. Solche Frauen gab es in meiner Familie nicht. Die Tanten und die Mutter waren braunhaarig und hatten kleine Brüste, die Großmutter war klein und füllig.

Obwohl ich die Lieblingsillustrierten des Großvaters, von denen die aktuellsten immer auf dem Couchtisch im Wohnzimmer auslagen, anschauen durfte, durfte ich das Gartenhaus nie betreten. Niemand außer ihm selbst ging da hinein. Er selbst aber verschwand darin und kam stundenlang nicht mehr heraus. Manchmal stellte ich mich auf die Zehenspitzen und schaute durch das kleine Fenster hinein. Viel konnte man nicht erkennen, denn die Scheiben waren schmutzig und voller Spinnweben.

Ein Tisch, ein Stuhl, eine leere Bierflasche, viele nackte Frauen.

Und er selbst saß am Tisch und hatte den Kopf auf die Tischplatte gelegt.

Busenheftle: Neue Revue Nr. 4/1970

AHA, AHA, AHA*

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Zwischen den Fingern, um die Daumen herum,

Hände waschen, Hände waschen.

Weg mit dem Virus, weg von mir.

Geh weg. Schleich di. Fick dich.

Viel Schaum und zweimal Happy Birthday.

Hahaha.

Die Seife geht aus.

Aus.

Hahaha.

Wo ist der Hausschlüssel.

Hab ich die Maske.

Ist der Einkaufswagen desinfiziert.

Die anderen.

Halten die Abstand, sind die gesund, machen die gut mit.

Ich lasse sie nicht an mich heran.

Weg von mir.

Hahaha.

Keine Nähe.

Selbstgewählt.

Fremdbestimmt.

Sich zurückziehen, sich abschotten.

Nicht gemeinsam essen, trinken, feiern,

nicht reisen.

Lockdown. Und noch ein Lockdown.

2020 eine Nullnummer. Aus dem Leben streichen.

Alte sterben wie Fliegen.

Junge fühlen sich unsterblich.

Rettung naht, der Impfstoff kommt.

Hahaha.

Alles wird gut.

Hahaha.

Klage nicht!

*Die Corona-Formel im Jahr 2020: AHA = Abstand + Hygiene + Alltagsmaske

Mit Maske im Zug nach München, Sommer 2020

Weißensteiner Straße 184

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Graffito, Bonatzbau Stuttgart, 2020

Wenn ich mit schmeichelnder Stimme »bsss bsss bsss, Mohrle komm, Mohrle komm, bsss, bsss, bsss, Mohrle komm, komm, komm« rief, kamen zwei Katzen angerannt. Beide hießen Mohrle. Schwarze Katzen gab es nie, die brachten Unglück. Warum trotzdem alle Mohrle hießen, erfuhr ich nie. Wenn die Katzen erkannten, dass nur ich, das Kind, mit leeren Händen dastand, kamen sie nicht näher. Ich war enttäuscht, ich hätte sie so gerne gestreichelt.

Was ist die früheste Erinnerung an den Ort meiner Kindheit? Ich meine nicht die Geschichten, die einem so oft erzählt werden, bis sie einem wie die eigene Erinnerung vorkommen. Ich meine das, was ich als Kind erlebt und mit meinen Sinnen wahrgenommen habe und heute noch erinnere.

Eine einfach zu erklärende Heimat habe ich nicht. Nicht mehr. Zumindest stellen sich keine heimatlichen Gefühle ein, wenn ich heute durch die Straßen der Stadt gehe, in der ich geboren wurde. Geblieben sind nur Fetzen der Erinnerung, verwischte Ereignisse, verblasste Gesichter.

Den hohen Zaun gibt es noch. Wie damals bewegt sich auf der einen Seite des Zauns der Verkehr stadtauswärts in die nahe gelegenen Dörfer, stadteinwärts aus den Dörfern zurück ins Zentrum der mittelgroßen Stadt. Auch die Bushaltestelle gegenüber ist noch da. Der Verkehr ist dichter geworden und lauter. Und die Häuserblocks gegenüber, die jetzt noch da stehen, wo sie früher schon standen. Viel früher noch waren dies Holzbaracken. Baracken, in denen im und nach dem Krieg Flüchtlinge unterkamen. Vor denen, die mit dem Rucksack gekommen waren, hat man mich als Kind immer gewarnt. Ich fand an Rucksäcken nichts schlimmes, mit Eva durfte ich trotzdem nicht spielen. Heute sehen die Wohnblocks freundlicher aus, haben angebaute Balkone, und da hängen Kästen mit roten Geranien, blauen Petunien, lustigen Fröschen mit Glupschaugen und Porzellanenten mit Strohhüten.

Auf meiner Seite des Zauns gab es keine Spielkameradinnen, dafür eine große Blumenwiese. Ich liebte den Geruch und die Farben der gelben, blauen, knallorangen und roten Blumen, deren Namen mir niemand sagte. Auch den Löwenzahn, den wir Bettscheißer nannten, mochte ich, obwohl der weiße Milchsaft aus den Stängeln grässliche Spuren auf der Hose hinterließ. Besonders gerne pflückte ich einen bunten Strauß für die Großmutter, die ihn dann ohne große Freude entgegennahm, weil für sie alles, was aus dem Garten kam, irgendwie mit Arbeit verbunden war. Manchmal hat der Großvater den Blumen die Köpfe abgeschnitten, bevor ich sie pflücken konnte. Er brauchte Futter für seine Tiere.

Die Blumenwiese war eine große unbebaute Fläche neben dem Haus. Hinter dem Haus gab es einen großen Hof, eine Garage und ein Gartenhaus. Man nannte es Gartenhaus, weil es im Garten stand, wo der Großvater Kopfsalat, Stachel- und Himbeeren, rote und schwarze Träuble und Blumen anpflanzte. Der alte Mann, der ein Stockwerk tiefer wohnte, hatte in seinem Garten auch Tomaten. Der Großvater hatte kein Glück mit Tomaten. Man nannte das Gartenhaus Gartenhaus, obwohl es gleichzeitig die Funktion eines Stalls hatte, denn außer den beiden Katzen wohnten dort auch ein paar Hühner und ein Hahn, die frei herumlaufen durften und Hasen, die in kleinen selbstgebauten Ställen untergebracht waren. Noch vor meiner Zeit hielt der Großvater Geißen und züchtete große bissige Hunde. Es roch nach Heu und Gras und nassem Fell und den Hinterlassenschaften der Tiere. Und das Gartenhaus war nicht nur Stall, sondern auch Werkstatt, denn der Großvater machte dort kleinere Reparaturen.

Daneben die Garage. Die Garage hieß Garage, obwohl es sich in Wirklichkeit um eine Werkstatt handelte, in denen der Großvater größere Reparaturen mit größeren Werkzeugen an einer richtigen Werkbank machte. Gar nie stand ein Auto darin, denn die Großeltern konnten sich, glaube ich, kein Auto leisten. Womöglich besaß der Großvater überhaupt keinen Führerschein, die Großmutter hatte ganz bestimmt keinen. Die war schließlich Hausfrau, brauchte gar keinen Führerschein. Die Einkäufe erledigte sie mit dem alten Damenrad beim Sparladen zwei Straßen weiter. Die Werkstatt hieß jedenfalls Garage, weil sie ein Garagentor hatte und theoretisch hätte man ein Auto dort hineinstellen können. Es standen aber immer nur zwei Fahrräder und ein Fahrradanhänger darin.

Es gab klare Regeln.

Nur zwei Katzen durften leben, nur zwei wurden mit Küchenabfällen und mit verdünnter Milch gefüttert. Es waren kleine Rationen, denn sie sollten sich hungrig auf die Jagd nach Mäusen machen. Und nach Ratten, die vom Bach heraufkamen. Und zwei Katzen auch nur deshalb, weil ja immer damit gerechnet werden musste, dass eine auf der großen Straße vor dem Haus überfahren wurde. Wenn eine Katze Junge bekam, ahnte sie wohl, dass diese in Gefahr sein würden und versteckte sie im Gartenhaus ganz oben zwischen den Dachbalken oder ganz hinten im Heu. Ich wünschte mir immer, dass der Großvater die Kätzchen nicht finden würde. Es half nichts, der Großvater kannte alle Verstecke. Die überzähligen Kätzchen nahm der Großvater an den Hinterbeinen und schlug sie gegen das Garagentor oder tunkte sie in einen Eimer mit kaltem Wasser.

Die Hühner, denen er auf dem Hackblock, der vor der Garage stand, mit dem Beil den Kopf abgeschlagen oder die Hasen, denen er das Fell abgezogen hatte, wurden mit dem Kopf nach unten außen an das Garagentor gehängt.

Der Großvater fand nichts dabei, wenn ich zuschaute. Schließlich zog er seine Tiere groß, um sie zu verkaufen. Oder um sie zu essen. Dann schlachtete er sie, und die Großmutter machte einen Sonntagsbraten daraus. Mit viel Soße, Kartoffelsalat und grünem Salat aus dem Garten. Und handgeschabten Spätzle. Der Großvater legte großen Wert darauf, nur Selbstgeerntetes und Selbstgemachtes zu essen.

Zu Ostern durfte man im Hof mit den frisch geschlüpften Küken spielen, die so gelb, so flaumig, so weich waren. Einmal habe ich einem Biberle versehentlich ein Bein abgebrochen. Das war schrecklich. Der Großvater brachte es weg und sagte »pass in Zukunft besser auf«.

Ich liebte es, in Großvaters Garten zu sein. Den modrig-feuchten Geruch des Gartenhauses mochte ich, die unheimlichen, dunklen Ecken mit den großen Spinnweben, wo ich mich gut verstecken konnte, auch wenn es niemand gab, der mich hätte suchen und finden wollen. Ich liebte die dicken fetten Himbeeren und die gelbreifen Stachelbeeren, die ich mir direkt vom Strauch in den Mund stecken durfte. Ich liebte es, Parfum aus Rosenblättern zu kochen und Kränze aus Gänseblümchen zu binden.

Der Großvater war ein kräftiger Mann von knapp ein Meter neunzig, der mit nacktem Oberkörper in der sengenden Sonne den Garten umgrub, die Wiese mähte oder seine Ernte aus dem Gütle auf dem Anhänger hinter seinem Fahrrad herzog. Im Sommer thronte er samstags nur mit einer kurzen Hose bekleidet und braun gebrannt inmitten seiner prächtig blühenden Rosenbüsche auf einer Gartenbank im Garten hinter dem Haus, von den Damen aus der Nachbarschaft umgeben. Sie hingen an seinen Lippen, während die Großmutter Kaffee und selbst gebackenen Apfel-, Zwetschgen- oder Birnenkuchen servierte, den sie über zwei Treppen und den ganzen Hof nach hinten schleppte. Im Winter saß der Großvater samstags in einer dicken Wollweste mittig auf der Wohnzimmercouch, Neue Revue und Praline immer griffbereit vor sich auf dem Couchtisch, das Farbposter mit den Camarguepferden, die spritzend durchs Wasser galoppierten, über sich. Er hatte dieses »Gemälde« auf eine Holzplatte aufgezogen, und weil es ihm ein bisschen verrutscht war, hatte er an der Ecke links unten mit grüner Holzfarbe, die vom Zaunstreichen übrig geblieben war, nachgebessert. Auch in seinem Wohnzimmer hielt er Hof, auch hier scharte er die Nachbarinnen, Frauen, die keinen Mann abbekommen hatten oder deren Männer im Krieg geblieben waren, um sich. Während er auf dem Sofa saß, mittig, damit sich niemand neben ihn setzen konnte, sich dort von der Großmutter Kaffee und Kuchen servieren ließ, sammelten sich die Damen um den Esszimmertisch, der im gleichen Zimmer stand und ließen sich dort bedienen. Die Frauen kamen als Freundinnen der Großmutter, lauschten aber dem Großvater und schienen seine Geschichten aufregend zu finden. Er erzählte vom alljährlichen Ausflug mit dem Geißenzuchtverein, seinen neuen Düngemethoden mit Schafsmist und davon, welche Berge er in diesem Jahr geerntet hatte. Sie bewunderten seine Männlichkeit, seine Größe, sein volles schwarzes Haar, den flachen Bauch. Über ihren eigenen Kummer redeten sie nicht. Auch ging es nie um Politik. Dem leckeren Kuchen waren die Frauen nicht abgeneigt, der Großmutter aber schenkten sie wenig Beachtung. Im Gegenteil: Immer wieder wurde halb im Scherz, halb im Ernst die Frage in den Raum gestellt, warum diese kleine, dicke Frau diesen großen attraktiven Mann abbekommen hatte.

Die Großeltern lebten ihr Leben lang, vor dem Krieg, im Krieg, nach dem Krieg in dieser Mietwohnung am südlichen Ende der Stadt. Eng war es da. Die kleine Dreizimmerwohnung ohne Badezimmer, in der einmal neun Personen gelebt hatten, die zwei alten Fahrräder und der Keller voller Vorräte waren nichts zum Herzeigen. Ich fand es gar nicht eng da. Der Garten war riesig, die Blumenwiese auch. Den wohligen Geruch meiner Großmutter, die immer nach Kuchen und frischer Wäsche roch und den Duft der Blumen meine ich noch zu riechen. Und den Geschmack der reifen Beeren zu schmecken.

Am Ende ihres Lebens brachte man erst den Großvater, später die Großmutter einfach über die Straße. Denn auf der anderen Seite des Zauns und der großen Straße befanden sich nicht nur die Wohnblocks und das Gütle, sondern auch der Friedhof.

Seit die Großeltern tot sind, gibt es diesen Ort meiner Kindheit nicht mehr. Obwohl das Haus Weißensteiner Straße 184 noch immer da steht, wo es damals stand. Gartenhaus und Garage wurden durch ein weiteres Wohnhaus ersetzt. Unbekannte Menschen leben da. Trotz der hohen Quadratmeterpreise gibt es die unbebaute Fläche neben dem Haus noch, die Blumenwiese aber ist verschwunden. Nur noch Gras steht da. Und das Gütle wurde von dem um ein Vielfaches gewachsenen Friedhof verschluckt.

Bilder verblassen. Nur die ungefähre Erinnerung an eine verschwundene Welt bleibt zurück. Ein paar Spuren, keine Fotos. Fotografiert hat man damals nicht.

An Samstagen bekam ich den Auftrag, mit dem Messer das Unkraut zwischen den Wegplatten herauszukratzen. Oder die Erdbeeren im Gütle mussten geerntet werden. Ungeliebte Einsätze, bei denen man auf dem Boden herumkriechen musste. Und diese Beeren durften nicht in meinem Mund landen, sondern mussten auf den Küchentisch der Großmutter. In der kleinen Küche, in die sie gerade so hineingepasst hat, wusch und putzte sie alles, was aus dem Garten kam, und kochte es ein. Weckgläser wurden gefüllt und hinunter in den Keller getragen. Da gab es Himbeer- und Erdbeermarmelade, Quitten- und Träublesgelee, Zwetschgenkompott, Apfelbrei, Stachelbeeren in Zuckerwasser, eingelegte Bohnen und saure Gurken en masse. Wenn ich das Messer nicht richtig ansetzte, in seinen Augen zu schlampig arbeitete oder heimlich eine Beere in den Mund steckte, bekam ich vom Großvater ein paar hinter die Ohren. Erledigte ich meine Sache gut, bekam ich am Sonntag, wenn nicht die Nachbarinnen, sondern die Familie zu Kaffee und Kuchen da war, fünfzig Pfennig für ein Vanilleeis mit Schokoladenüberzug und wurde zur Esso-Tankstelle ein Stück die Weißensteiner Straße hinunter geschickt. »Ein Mohrle bitte«, sagte ich dann zum Tankwart und legte mein selbst verdientes Fuffzgerle auf den Tresen.

Träuble, Rehenhof, Sommer 2020

»Die Mauern stehn sprachlos und kalt«*

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Es war ein ganz normaler Nachmittag an einem ganz normalen Wintertag. Draußen war es kalt und trüb. Ich saß in diesem überheizten, muffigen, schwitzigen Klassenzimmer und war am Einschlafen. Herr Scheidewind, der Erdkundelehrer, sprach über landwirtschaftliche Anbaumethoden in Ländern, die mir unbekannt waren, in die ich ganz bestimmt niemals kommen würde. Mali, Sahelzone, das interessierte mich doch überhaupt nicht. Ich rutschte auf meinem Holzstuhl hin und her, weil die Wollstrumpfhose unter der Levisjeans, die eh ein bisschen eng war, am Hintern juckte. Die raue Oberfläche des alten Stuhls scheuerte durch Wolle und Stoff hindurch und brachte ein bisschen Erleichterung.

Die Stimme von Oberstudienrat Scheidewind war echt einschläfernd. Gleich würde er auf den Lichtschalter an der Tür drücken, das grelle Neonlicht anschalten und genau so monoton weiterreden. Ich wünschte mir, ich könnte mich wegbeamen, raus aus diesem Klassenzimmer. Raus aus dem Schulgebäude. Raus aus der Wollstrumpfhose. Da meine Eltern gleich um die Ecke wohnten und ihre Augen und Ohren überall hatten, durfte ich mich auf jeden Fall nicht in der Stadt herumtreiben. Aber dafür war es eh viel zu kalt.

Sigrid, genannt Siggi, war eine Gleichgesinnte. Es war ein Leichtes, sie in der Fünfminutenpause zur Flucht zu überreden. Überreden war gar nicht nötig, ein „Komm, lass uns unsere Sachen nehmen und gehen“ reichte völlig aus. Wo wir hingehen, was genau wir tun wollten, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Tatsache war, dass das spärliche Taschengeld längst ausgegeben und es draußen ungemütlich kalt war, und dass es bald dunkel werden würde. Denkbar schlechte Voraussetzungen für die weitere Gestaltung des Nachmittags. Ich wohnte in so kurzer Entfernung zur Schule, dass ich morgens vom Bett in die Schulbank fallen konnte. Alles, was nicht so nah lag wie mein Elternhaus, schien mir ideal. Welch ein Glück, dass Siggi von einem Bauernhof stammte, der so weit draußen lag, dass man den Zug nehmen musste.

Siggis Eltern würden bestimmt nichts merken, weil sie mit ihrem Bauernsach beschäftigt waren. Entweder arbeiteten sie auf dem Acker oder im Garten. Gab es Feldarbeit im Winter? Was machte der Bauer in dieser Jahreszeit überhaupt? Wenn es auf dem Feld oder im Garten nichts zu erledigen gab, musste es doch andere Aufgaben geben.

Mein Vater hatte immer zu tun, im Winter zog er ein Angoraunterhemd unter das karierte Flanellhemd, eine lange Unterhose unter die Cordhose, setzte sich eine Wollmütze auf den Kopf und ging auf irgendeine Baustelle.

Gewiss hatten Siggis Eltern im Stall zu tun, bei den Kühen war es warm. Egal, sie konnten tun und lassen, was sie wollten, Hauptsache, sie würden nicht merken, dass wir zu zweit und viel zu früh aus der Schule kamen.

Siggi und ich schlichen aus dem Schulhaus, und als wir außer Sicht waren, fühlten wir uns schon besser. Meine Wollstrumpfhose hatte ich längst vergessen. Gegen die Idee, zu ihr zu fahren, hatte sie nichts einzuwenden. Auf halber Strecke zwischen der Schule, die ein renommiertes Mädchengymnasium war, und dem Bahnhof lag der kleine Park, der Hofgarten hieß. Die Bezeichnung Garten war zutreffender: eine übersichtliche, von einer Mauer umgebene Grünfläche, gesäumt von schmalen Wegen und Blumenrabatten. Jetzt war Winter, es gab keinen grünen Rasen und keine bunten Blumen. Die Wege waren geschippt und der Schnee war kantig zur Seite hin geschoben. Alter, grauer Schnee.

Schnell liefen wir nebeneinander her, schnell, weil wir froren, und weil wir nicht entdeckt werden wollten. Mein Vater war viel mit dem kleinen Lieferwagen unterwegs. Mal war er auf dem Weg zu einem Kunden oder zu einer Baustelle, mal holte er sich eine Brezel vom Bäcker oder die Bildzeitung vom Bahnhofskiosk. Zu Fuß ging mein Vater gar nie.

Wir erreichten die lange Steinmauer, die den Hofgarten umschloss. Die war hoch, man konnte nicht über sie hinüber schauen. Dann kam das große Eisentor, das in den kleinen Park hineinführte. Normalerweise warf man, ohne anzuhalten, ganz automatisch einen Blick durch dieses Tor. Im Sommer winkte man schnell den Freunden zu, die bei gutem Wetter nachmittags mit nacktem Oberkörper auf der Wiese lagen und sich sonnten, Bier tranken oder einen Joint rauchten. Ich war 14, Siggi ein Jahr älter, weil sie schon einmal sitzen geblieben war. Die Typen waren älter und besuchten die benachbarte Oberschule für Jungen, manche waren schon volljährig. In einen von ihnen hatte ich mich verliebt, in den mit den langen blonden Haaren, der so gut Gitarre spielen konnte. Heute hätte ich nicht hineinschauen müssen, denn es war nicht damit zu rechnen, dass sich irgendjemand an diesem ungastlich kalten Ort aufhielt. Aber ich schaute durch das Tor, weil ich immer durch das Tor schaute. Außer weißgrauen Schneebergen gab es da nichts zu sehen. Und hineingehen hätten wir schon gar nicht müssen, aber wir taten es doch.

Irgendetwas zog uns an. Da auf der schneebedeckten Wiese schien etwas anders als sonst, da gab es ein Leuchten. Hatte jemand eine brennende Fackel in den Schnee gesteckt? Dort in diesen Schnee, der gar nicht so unschuldig und weiß glitzerte, wie man immer so schön sagte, sondern eklig grau war. Grau, mit schwarzen Schlieren überzogen und steif gefroren. Es hatte schon seit Tagen nicht mehr geschneit, aber war die ganze Zeit sehr kalt gewesen. Der Himmel hing tief über unseren Köpfen und die Dunkelheit schlich sich ganz langsam heran. Und das Grau der herannahenden Dämmerung vereinnahmte das Grau des alten Schnees und war dabei, das letzte bisschen Tageslicht zu verschlucken. Die Luft war so kalt, dass sich kleine Atemwölkchen vor unseren Mündern bildeten.

Ja, kein Zweifel, da brannte etwas. Ein helles Gelb. Das Flämmchen wurde zur Flamme und langsam immer größer. Und immer größer. Dann lichterloh. War es eine Vogelscheuche, die jemand aus Holzstangen, alten Kleidungsstücken und einer Perücke zusammen gebastelt hatte? So eine lustige Vogelscheuche, die normalerweise Krähen von Feldern und Gärten fernhielt, um Samen und Beeren zu schützen? Doch was hatte eine Vogelscheuche mitten in der Stadt zu suchen? Wozu brauchte man eine Vogelscheuche im Winter? Hatte sich einfach jemand einen Spaß erlaubt? Ich war mir sicher, es musste eine Vogelscheuche sein.

Aber es roch komisch. Mitten im Stadtpark roch es nach Tankstelle. Und nach roter Wurst und nach gegrilltem Schweinebauch. Und nach verbranntem Haar. Als hätte man beim Haaretrocknen eine Strähne ins Gebläse des Föhns gebracht. All diese Gerüche waren nicht sehr intensiv, dafür war es zu kalt. Und das da mitten auf der Schneewiese, diese Fackel, diese Vogelscheuche oder was auch immer das war, schien eine Jeans anzuhaben. Und ich meinte sogar, Haare zu erkennen. Lange, hellbraune Haare.

Mein Gehirn konnte das Gesehene nicht einordnen, nicht übersetzen. Ich starrte wie gebannt, konnte den Blick nicht lösen, aber so sehr ich mich auch konzentrierte, ich erkannte nicht wirklich etwas. Die Übertragung von den Augen zum Gehirn funktionierte nicht mehr. Weil ich nicht wusste, was hier geschah. Weil mir so etwas noch nie passiert war.

Der Mann vom Bahnhofkiosk könnte die Feuerwehr rufen. Der würde das bestimmt tun. „Komm schnell, wir holen die Feuerwehr“, ich rannte los, Siggi sagte nichts und kam hinterher.

Vom Lieferwagen meines Vaters heute keine Spur. Am Bahnhof angekommen, liefen wir am Kiosk vorbei. Gerade kam die Durchsage, der Zug nach Hüttlingen war auf Gleis eins eingefahren, und wir sprangen ohne zu zögern hinein. Siggi besaß eine Schülermonatskarte, Zeit und Geld für eine zweite Fahrkarte hatten wir nicht. Vom Herumstehen im Park war uns sehr kalt geworden, wir zitterten vor Kälte, behielten im überhitzten Zugabteil die Jacken an, rieben uns die Hände. Beide waren wir nun froh über die dicken Wollstrumpfhosen unter den Jeans, die dicken Stiefel und die selbst gestrickten Handschuhe. Meine, es waren nur Daumenhandschuhe, hatte ich unter Anleitung der Großmutter angefertigt, schön waren sie nicht, manche Masche war falsch herum gestrickt, die Farbauswahl orange-grün eher misslungen, aber warm waren sie.

Kaum eingestiegen, waren wir fünfzehn Minuten später schon in Hüttlingen angekommen. Wir schlichen uns ins Haus und in das Kinderzimmer unter dem Dach. Niemand hatte uns kommen sehen. Während der Fahrt und auch jetzt sprachen wir nicht. Wir fanden keine Worte für das, was wir gesehen hatten. Vielleicht, weil wir nicht wirklich etwas gesehen hatten. Vielleicht, weil wir nichts gesehen haben wollten. Wir redeten aber auch nicht über unsere Ahnungen. Die Kälte saß in den Knochen und ließ gar nicht nach. Noch immer saßen wir in unseren Jacken da, Siggi im einzigen Sessel, ich auf ihrem Bett, weil es keine weitere Sitzgelegenheit in dem kleinen Zimmer gab. Ein Kräutertee zum Aufwärmen hätte uns gut getan, ein Keks dazu oder ein Butterbrot. Wir trauten uns aber nicht hinunter in die Küche, weil dort Siggis Mutter womöglich das Abendessen vorbereitete und ihr Vater womöglich am Küchentisch saß und die Zeitung las. Und dann wären Fragen gestellt worden.

Stattdessen holte Siggi eine große Flasche aus dem Kleiderschrank und zwei Zahnputzbecher aus dem Badezimmer nebenan. „Das ist der Whiskey, den ich in fürs Babysitten bekommen habe.“ Es war die Zeit des Kalten Kriegs. In der Stadt gab es amerikanischen Kasernen und die Soldaten wohnten auch hier draußen auf dem Land. Eine riesige Flasche Jim Beam hatten die Amis ihr geschenkt, „one Gallon oder half Gallon, das weiß ich nicht so genau“, sagte Siggi, „aber der kommt direkt aus Amerika, den gibt es nur im PX-Laden“.

Normalerweise tranken wir keinen Alkohol, und wir nahmen keine Drogen, obwohl die uns ohne Weiteres zur Verfügung gestanden hätten. Wir waren jung, wir waren hübsch und hatten die passenden Verehrer, man hätte uns sicherlich nicht nur Whiskey geschenkt. Wir tranken das eklige Zeugs in der Hoffnung, warm zu werden, vielleicht auch in der Hoffnung, getröstet zu werden. Wir konnten gar nicht genug davon bekommen, füllten die Plastikbecher immer wieder. Wir tranken, weil wir nicht sprechen konnten. Wir tranken, um nicht sprechen zu müssen.

Was hätten wir auch sagen sollen: Dass es falsch war zu schwänzen? Dass es nicht richtig war, einfach nur dazustehen und keine Hilfe zu holen? Dass wir uns verraten hätten, wenn wir Hilfe geholt hätten? Dass wir schuld waren, wenn das Feuer nicht gelöscht wurde? Dass es fürs Löschen längst zu spät war? Dass dies die Strafe für uns Tun war? Dass wir künftig nie mehr die Schule schwänzen würden? Sollten wir darüber sprechen, wie traurig wir waren, oder darüber, dass wir komischerweise gar nicht traurig waren? Der Whiskey musste raus, wir hingen nach einander über der Kloschüssel und kotzten uns die Seelen aus dem Leib.

In Siggis Familie hatte sich der Bruder des Vaters in jungen Jahren aufgehängt, ihre Großmutter sprach seither nicht mehr, die anderen sprachen wenig. Ich dagegen wusste noch nichts über den Tod.

Bis heute mag ich keinen Whisky trinken. Noch nicht einmal riechen kann ich ihn. Denn mit dem Geruch kommen die Erinnerungen an jenen unbedeutenden Nachmittag an einem kalten, trüben Tag zurück. An jenen Wintertag, der so schien wie jeder andere, als ich 14 Jahre alt war: der gleichförmige Unterricht, das unbekannte Mali, die klirrende Kälte, die dicke Wollstrumpfhose, der juckende Hintern, das gelbe Licht im schmutzigen Schnee, die brennenden hellen Haare. Der komische Geruch.

Am Tag danach stand in der Zeitung, dass er gerade das Abitur mit einer Eins bestanden hatte. Dass er Thomas hieß und einen Zwillingsbruder zurückließ. Ein junger Mann, der das Leben noch vor sich gehabt hätte, ging mit einem Ersatzkanister zur Tankstelle, kaufte Benzin für vier Mark, übergoss sich im Stadtpark damit, zündete sich an. In einem Park, der eigentlich ein Garten war.

Sein Leben war erloschen, meines hatte er entfacht.

„Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein.“
*

* Aus dem Gedicht „Hälfte des Lebens“ von Friedrich Hölderlin.

Stuttgart / Hospitalviertel / 2016

How is life?

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Am Wasser, Ghana 2010

Gegen fünf dämmerte das Morgenlicht. Sie lag unter diesem steifen Betttuch, das nach Kernseife roch. Und obwohl es noch nicht einmal ganz hell war, lief Schweiß über ihre Stirn. Sie tropfte aus dem Nacken. Und schwitzte zwischen den Brüsten und den nackten Beinen. Ganz erschlagen war sie von der Nacht auf der harten Matratze aus Stroh. Sie lauschte nach draußen, versuchte, den Lärm zu ergründen. Sie wollte nicht glauben, dass es nur das Meer war, das sie da hörte. Diese riesigen Wellen des Atlantischen Ozeans, die gegen Felsen schlugen. Es gab nicht den Autolärm wie zuhause, wo sie zwar in einer ruhigen Straße wohnte, aber den Verkehr von der etwas entfernten größeren Ausfallstraße immer im Ohr hatte. Außer sie machte alle Fenster zu. Außer sie versuchte, sich einzubilden, es sei das Meer, was da rauschte, nicht Autos, die Tag und Nacht die Straße hinauf und hinunter fuhren. Und jetzt war es das Meer. So dicht, so laut, dass sie es als bedrohlich empfand. Diese Wellen, die an Felsen schlugen. Wie ein Händeklatschen, ein Platsch, wenn sie sich wieder zurückzogen. Immer die kleinen Steinchen im Schlepptau, die das schlurfende Geräusch machten. Jederzeit hätte sich ein Mensch oder ein Tier heranschleichen können, ohne dass sie es gehört hätte. Gar nichts hätte sie gehört. Keinen Ton, keine Schritte. Nur dieses Schlagen, dieses Platschen, dieses Klatschen. Und die Steinchen. Dieses Schlurfen. In der Nacht, die ihre erste Nacht war, als sie wegen der feuchten Hitze und der ungewohnten Umgebung in dieser Hütte, wo es ein Bett, ein Regal und einen Stuhl gab und sonst nichts, nicht hatte einschlafen können, waren Ängste ganz klammheimlich in ihren Kopf und durch ihren Körper gekrochen: Wer oder was schlich gerade um ihre Hütte herum? Wer wollte etwas von ihr, wer trachtete ihr womöglich nach dem Leben? Ihr war klar geworden, dass sie nicht nur allein in ihrer Hütte, sondern allein auf dem großen Gelände war. Auch sie hätte niemand hören können, niemand wäre ihr zu Hilfe kommen.

Die Hitze des Tages kam jetzt unter der Tür hindurch in die Hütte gekrochen, dann unter ihr Betttuch. Sie horchte tief. Tief ein, tief aus. Aber da war nur der Lärm des Ozeans. Angst machte ihr, dass sie die Geräusche hinter den Geräuschen nicht hörte. So laut und doch kein Laut. Immer nur dieses Meer.

Dann kam ein neuer, noch größerer Lärm. Sie vermochte nicht zu sagen, woher er kam, aber sie hörte ihn ganz deutlich, den undefinierbaren Lärm hinter den Wellen. Es kam ihr so vor, als würde jemand mit etwas Metallischem auf etwas Metallisches schlagen. War das der Weckruf? Sollten alle aufwachen, die Nacht beenden und mit dem Tagwerk beginnen? Oder war es die Aufforderung, zum Morgengottesdienst in eine der vielen Kirchen zu kommen? Sie hatte gelesen, dass die und die dazugehörigen Gläubigen von den Missionaren an der Küste zurückgelassen worden waren.

Durch die  Fensteröffnung, bei der man die Holzlamellen auf- und zuschieben konnte, passten im geschlossenen Zustand nur Moskitos. Und Käfer und Spinnen. Und die Geckos, die dann Kopf unter an den Deckenbalken hingen, völlig reglos, mit ihren pulsierenden kleinen Lungen. Die glotzten ohne Scham auf alles unter sich, auch auf ihren nackten Körper, der da noch im Bett lag.

Gleich in dieser ersten Nacht war Schreckliches passiert. Auf dem Weg zur Toilette, die etwas entfernt auf dem großen Gelände lag, war sie auf etwas getreten. Auf etwas Riesiges, etwas Klitschiges. Sie wusste gleich, dass es ein Tier war. Der reinste Horror, in dieser Dunkelheit mit dem Schlappen auf etwas zu treten, das groß und glitschig war und sich unter ihrem Fuß bewegte. Sie erschrak zu Tode und dachte sofort an eine giftige Schlange. Denn dass es hier gefährliche Tiere und schlimme Krankheiten gab, daran zweifelte sie nicht. Als sie mit der kleinen Kerosinlampe hinleuchtete, sah sie, dass es eine schwarze Kröte war, fett und furchterregend. Auf dem hastigen Rückweg zur Hütte erschrak sie ein weiteres Mal, das Herz setzte kurz aus, als plötzlich zwei weiße Augen und der Atem von Bier und Zigaretten vor ihr standen. Der Nightwatch, der so schwarz war, wie die Nacht selbst, machte seinen Rundgang über das Gelände. Auf seine Frage „How is life?“ konnte sie nicht antworten, sie war mit ihren Nerven am Ende.

Kein weiteres Mal würde sie nachts die Hütte verlassen, das hatte sie sich geschworen. Zum Glück steckte ein Schlüssel innen in der Tür. Sie drehte ihn gleich dreimal um.

Das Moskitonetz hatte ihr in der Nacht Schutz geboten. Am Morgen, beim ersten Gang zur Toilette, als es draußen schon hell war, aber in den Toilettenkabinen noch dämmerig, wurde sie gestochen. Die Moskitos griffen hinterrücks an und stachen dahin, wo man nicht damit rechnete oder vergessen hatte, sich mit Autan einzuschmieren: in den Hintern. Sie konnte nur hoffen, dass ihre Malariaprophylaxe Schlimmeres verhinderte. Sie hatte ja gelesen, dass die Malaria nicht anders war als eine Grippe. Dass Malariatabletten gar nichts brachten, weil 85 Prozent der Malariaparasiten zwischenzeitlich immun waren, hatte sie ebenfalls gelesen. Aber sie wollte hier nicht krank werden, weder mit einer Grippe noch mit einer anderen Tropenkrankheit im Bett liegen, wenn man diese harte Matratze und das Kernseifenbetttuch so nennen wollte.

Beim Frühstück unter einem Palmdach, wo es englisches Porridge mit einem Schuss Kondensmilch und schwarzen Tee gab, erzählte sie von der schlaflosen Nacht. Sie versuchte, so unauffällig wie möglich dreinzuschauen und ihr Leid so unaufdringlich wie möglich zu klagen. »Sag es ganz nebenbei und selbstverständlich« mahnte sie sich. Wie irgendeine Deutsche, die ganz zufällig mit lauter Afrikanern an einem Frühstückstisch am Atlantischen Ozean sitzt, ekligen Haferbrei isst und zu erklären versucht, warum sie künftig nicht mehr zur Toilette gehen will. Zu ihrer Überraschung fand sich sofort eine Lösung: Eco, der Mann, der für die Sauberkeit auf dem Gelände zuständig war, wurde angewiesen, ihr einen Nachttopf zu bringen. Er war es auch, der ihr am Abend zuvor eine Kerosinlampe vor die Hütte gestellt hatte. Um über das Gelände zu gehen, brauchte sie künftig keine Funzel mehr, aber um in der Dunkelheit den Nachttopf zu finden. Denn diese Dunkelheit, die war dunkel, die war rabenschwarz. Und laut.

Nach den Schrecken der Nacht verließ sie am ersten Tag das Gelände nicht. Sie erkundete die nähere Umgebung der Hütte. Unter herrlichen Palmen waren Steingärten angelegt. Die Luft roch nach Salz und immer wieder ergaben sich zwischen den wiegenden Palmwedeln Blicke auf das blauste Blau des Wassers. Dann saß sie auf ihrer kleinen Terrasse: So nah war sie dem Ozean noch nie gewesen.

Am Nachmittag ging sie hinunter zum Strand, wo junge Männer aus dem Ort ein Bad nahmen. Ihnen war gesagt worden, dass sie in den kommenden vier Wochen, während der Dauer der Anwesenheit des Gastes, bitte eine Badehose tragen und nicht auf den Strand machen sollten. Früher war dies die Waschstelle des Dorfes gewesen, jetzt war es ein kleines Stück Privatstrand, das zum Resort gehörte. Sie war froh, dass die jungen Männer Hosen anhatten. Ein Sonnenbad nehmen oder schwimmen wollte sie hier aber garantiert nicht. Früher war es üblich gewesen, ein Loch zu graben, hinein zu machen und das Loch wieder zuzumachen. Das hatte mit Glauben zu tun und der Furcht, dass jemand die Exkremente nehmen könnte, um »schlechte« Medizin daraus zu fabriziere. Heute glaubte man an den christlichen Gott und schiss nicht mehr in, sondern auf die Erde, das war bequemer und man musste ja keine Angst mehr haben vor bösen Geistern. Und doch sollte es noch Geister und Hexen geben. Man sagte ihnen nach, Zauberei zu beherrschen und anderen Böses zu tun. Wenn jemand in der Familie oder in der Nachbarschaft schlimm erkrankte, suchte und fand man schnell eine Schuldige. Ihr machte man den Prozess, und sie musste ihre Familie verlassen. Im Reiseführer stand, dass es im Norden des Landes es ein richtiges Hexendorf gab, wo Missionare sich um die Fortgejagten kümmerten. Dahin ins Buschland, wo es keine Straßen, keinen Strom und nur wenig Wasser gab, brachte man sie.

Man erzählte sich, dass auch die weiße Hautfarbe auf eine Hexerei zurückging: Die eine Nebenbuhlerin streute der anderen Pfeffer auf das am See abgelegte Hautkostüm, so dass diese es nicht mehr anziehen konnte und fortan mit der Unterhaut leben musste.

Da am Strand traf sie auch den Snakeman. »Akwaaba«, »welcome«, sagte er, obwohl das gar nicht zur Situation passte. In der Hand hielt er eine weiße Plastiktüte, in der es zappelte. Er war der Mann, der Schlangen mit den blanken Händen fing, um ihnen das Gift abzuzapfen. Auch erzählte er ihr mit wenigen Worten, gut Englisch konnte er nicht, dass er das Serum an Krankenhäuser verkaufe. Eine große Narbe verlief quer über seine rechte Wange. Sie wagte nicht, danach zu fragen, er und seine Tüte waren ihr unheimlich genug. Da half auch das Trikot von Borussia Dortmund nicht. Das Fußballtrikot trug der Snakeman mit Würde, obwohl die Farben ausgebleicht, das Gelb nur noch hellgelb und das Schwarz nur noch grau war. Von der Sonne und bestimmt auch vom vielen Waschen von Hand und mit Kernseife. Die kleine braune Hündin, die dafür zuständig war, durch die Büsche zu streifen und die Schlangen aufzustöbern, ging nicht von seiner Seite. Sie stand da mit traurigen Augen und eingezogenem Schwanz und wich zurück, als sie sie streicheln wollte. Womöglich waren diese beiden Garanten dafür, dass der eine oder andere Weiße nicht gleich ins Gras beißen musste.

Kinder aus dem Dorf schlichen sich von hinten an, und sie hörte, wie sie sich gegenseitig aufforderten, sie anzufassen. Sie dachte, dass sie ihre weiße Haut spüren wollten, die Haut einer »Obroni«, die hier als unvollkommen – wie ein Unterkleid eben – und schwabbelig und gleichzeitig als etwas Besonderes galt. Doch als die »Obroni« »Obroni« Rufe immer näher kamen, kapierte sie, dass die Kinder gekommen waren, um bei ihr um Wasser zu betteln, denn sie hielten rostige Dosen und Plastikbecher in den Händen. »Water«, immer wieder »water« sagten sie. Im Resort gab es aufbereitetes Wasser, sie durfte trinken, so viel sie wollte und unter der Dusche stehen, so lange sie wollte. Im Dorf aber, das an einer schmutzigen Lagune lag, gab es nur wenig sauberes Wasser und viele Kinder starben früh. Bevor sie eine Entscheidung treffen konnte, war Eco da, der Mann für Sauberkeit, der Mann für’s Grobe, und verjagte die kleinen Bettler.

Zu kostbar das Wasser für die Kinder am Wasser.

Im Wasser, Ghana 2010

Weh dir

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Man könnte sagen, wir leben in unsicheren Zeiten. Man könnte aber auch sagen, wir leben in sicheren Zeiten, denn wir können uns sicher sein in dieser Unsicherheit. Wir wissen nicht, was morgen kommt. Wir wissen nicht, ob es uns morgen trifft. Aber Krankheit und Tod sind uns immer sicher. Ist Klopapierkaufen eine Übersprungshandlung?  Um davon abzulenken, dass es passieren könnte?

Weh mir

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Damals war ich mir hundertprozentig sicher: Das 30. Lebensjahr würde ich niemals erreichen.


Habe ich als junge Frau nicht immer damit gerechnet, von einer Pershingrakete getroffen zu werden? Als ich fünf war, kamen die ersten Atomraketen in meinen Heimatort, als ich 23 war, wurden dort Pershing II-Raketen und Cruise Missiles stationiert. Mit Böll, Grass, Jens und vielen anderen war ich in einem Friedenscamp und habe das Pershing-Depot blockiert, besonders in Erinnerung geblieben ist mir tatsächlich »Blacky« Fuchsberger, der braun gebrannt im Porsche Cabrio daherkam. Auch die kriegstreiberische Politik von Ronald Reagan ließ mich oft schlaflos im Bett liegen und zu Demonstrationen in die westdeutsche Hauptstadt Bonn fahren: Fuck you Reagan!


Bald danach kam die Angst, von einer unbeherrschbaren Reaktorkatastrophe verseucht zu werden, von einem Super-GAU wie dieser Katastrophe in Tschernobyl. 1986 explodierte der Reaktor des Blocks 4. Diese Sowjetunion war weit weg und doch sind alle mit ängstlichen Gesichtern herumgelaufen, haben sich vor dem Wind aus östlicher Richtung und vor radioaktiven Lebensmitteln gefürchtet. Waren die Pilze in Ordnung, konnte man das Fleisch noch essen, das Wasser noch trinken? Die, die es sich leisten konnten, kauften sich Häuser auf La Palma, La Gomera oder sonst wo, wo man unverseucht leben konnte. Dort gelebt haben sie aber nie, weil sie sich das nicht leisten konnten.


Zuletzt habe ich gedacht, die völlig überhitzte Erde, das Ansteigen der Temperaturen, die Brüchigkeit des arktischen Eises und das Verschwinden der Eisbären sei die große Gefahr. Ich habe mit dem Klimakollaps gerechnet, mit Wirbelstürmen, Hochwasser und langen Dürrezeiten. Und damit, von Plastikmassen erstickt zu werden. Gerade spricht niemand mehr von Umweltschutz und Flugabstinenz, Greta Thunberg, die Mahnerin, ist von der Bildfläche verschwunden.


Und nun die neue – unsichtbare – Gefahr. Wieder laufen alle mit ängstlichen Gesichtern umher. Manche schauen finster. Man hält sich an der Gehsteigkante und behandelt die anderen wie Aussätzige, denen man auf gar keinen Fall zu nahe kommen möchte. Nur kein Husten, kein Hüsteln, kein Schniefen, keine Tröpfchen, bitte.


Und ich mache mir dieselben Gedanken wie alle anderen: Wielange wird das Klopapier noch reichen. Und die Seife und die Putzmittel. Und das Mehl. Alles Mangelwaren. Die Idee, zum Trost einen Hefezopf zu backen, ist daran gescheitert, dass es gar nirgendwo Hefe gibt.


Vor Kurzem hatte es noch geheißen, flüssige Seife wäre gesünder als Seifenstücke, weil die verkeimt sein könnten. Jetzt gilt das Gegenteil: Langes, intensives Händewaschen (zwei Mal »Happy Birthday« singen) mit Seife, die richtig in der Hand liegt, die man aufschäumen und zwischen den Fingern und auf der Handober- und Unterseite verteilen kann. Denn dieses Coronavirus, das die Gesellschaft gerade außer Gefecht setzt, soll von einer schützenden Lipidmembran, einer Fettschicht, ummantelt sein, auf der Eiweißmoleküle sitzen. Und nur Seife löst dieses Fett und beschädigt die Membran. So kann das Virus unschädlich gemacht werden, heißt es. Arg viel mehr kann man nicht tun. Ach doch, Handschuhe tragen.


Neuerdings hoffe sogar ich auf die Wissenschaft und auf die Medizin. Darauf, dass Medikamente gefunden werden, die die Überlebensrate erhöhen und die Todesraten senken. Die Zustände in Italien, wo die Menschen wie die Fliegen sterben, sind ein Horror. Von den Fernsehbildern, die das Elend in Bergamo, Madrid oder in New York City zeigen, wird einem Abend für Abend schlecht. Ich hoffe auf einen Impfstoff, der das Virus zu einem Virus macht, wie jedes andere. Sogar ich folge dem Virologen Christian Drosten, der geradezu ein Medienstar ist, und den alle Welt um Rat fragt: Was sind die Symptome, was kann man dagegen tun, wann ist alles überstanden? Ja, das ist die entscheidende Frage: Wann ist alles überstanden? An Ostern? Bis dahin gilt die Kontaktsperre. Oder länger? Bis Sommer, bis Ende des Jahres? Was wird aus den kleinen Geschäften, den Cafés und Restaurants in unserer Nachbarschaft? Werden sie die temporäre Schließung überstehen? Wie können Menschenleben und Wirtschaft gerettet werden? Wird die Welt menschlicher und bescheidener? Bietet Corona gar eine Chance?


So weit kann ich gerade noch nicht denken, im Augenblick scheint mir die Vernunft und das Tun meiner Mitmenschen wichtiger als alles andere. Alle mögen zuhause bleiben und sich schön die Hände waschen, und im Supermarkt und in der Straßenbahn den gehörigen Abstand halten. Und keine Lebensmittel, kein Klopapier, keine Schutzmasken und kein Desinfektionsmittel hamstern. Es geht darum, sich nicht anzustecken. Es geht um Solidarität.


Ich hoffe auf den Sommer. Und ich hoffe auf den Herbst. Und hoffe und hoffe… Dass wieder alles ganz normal wird. Ja, ich hoffe tatsächlich auf einen stinknormalen Alltag. Raus aus dem Homeoffice, zurück ins Büro. Raus aus der Quarantäne, raus aus der Isolation, zurück unter Menschen. Ich will Begegnungen von Angesicht zu Angesicht mit Freunden, mit Kollegen und Nachbarn.


Ich hoffe darauf, dass das Klopapier reichen wird. Und dass alles gut wird: Andrà tutto bene, sagen die Italiener und singen und musizieren abends auf ihren Balkonen.


Nicht mich möge dieses Virus treffen. Bitte auch nicht die anderen. Aber wenn schon, dann lieber die anderen.


1,5 bis zwei Meter Abstand sind verordnet. Dass ich keine Hände mehr schütteln darf, das macht mich sogar froh. Habe ich es nicht immer gehasst? Schon als kleines Mädchen musste ich den Erwachsenen, den Kunden des Vaters, die Hand geben. Als Zeichen der Höflichkeit, der Verbindlichkeit, wie es immer hieß. Ich habe aber nie begriffen, warum ich als Kind etwas für die Geschäfte des Vaters tun sollte. Später bin ich den Händeschüttlern gerne aus dem Weg gegangen.


Ich erinnere mich, dass der Großvater zum Gruß immer seinen Hut oder seine Schiebermütze gelüftet hat. Vielleicht wäre das die Lösung: Wir könnten wieder Hüte tragen. Die den Kopf schützen und vom Händeschütteln befreien.

Sich schützen. Sich befreien.

Weil man das Leben nicht hamstern kann.

Stuttgart / Tübinger Straße / März 2020


Sonntage

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Wenn die Mutter lange genug gemault hatte, »du hast ja nie Zeit für uns, nie machst du etwas mit deinen Kindern«, wenn sie immer weiter machte und davon sprach, dass »die anderen viel mehr schaffen, obwohl die kein Geschäft haben«, wirkte das zwar nicht sofort, aber die Wiederholung dieser Vorwürfe in verschiedenen Varianten ließ den Vater mürbe werden und ihn einsehen, dass er um des Friedens willen einen Sonntag mit Frau und Kindern verbringen sollte. Und da die Mutter nicht zum Fußball wollte, musste der Vater mit zu den Großeltern. Da wurde dann im Kreis der großen Familie Kaffee getrunken und der selbst gebackene Kuchen der Großmutter gegessen. Gerne wurde dabei über Familienangehörige geredet, die nicht anwesend waren. Während man normalerweise fragte »und wie geht es denn dem Hubert?« und »wie laufen denn die Geschäfte?«, immer in der Hoffnung, dass es dem Hubert und auch den Geschäften nicht so gut ging, fragte in seiner Anwesenheit niemand, wie es ihm ging, und auch nach den Geschäften fragte keiner. Überhaupt wurde weniger gesprochen und weniger gefragt, wenn der Vater anwesend war. Das hing auch damit zusammen, dass er selbst nie ein Wort sagte. Er saß stumm auf dem Sofa, trank seine zwei, drei Tassen schwarzer Kaffee, aß seine zwei, drei Stück Kuchen und war in Gedanken weit weg auf dem Fußballplatz.
Ganz selten gab es die, von den Kindern gefürchteten, ganz besonderen Sonntage, das waren die, an denen sie nicht an das andere Ende der Stadt zu den Großeltern fuhren, sondern einen sogenannten Ausflug machten. Ausflug bedeutete, dass man mit dem Auto über Land fuhr. Am allerliebsten saß der Vater auf seinem Motorrad, am Zweitliebsten saß er am Steuer seines Ford Taunus. Er liebte es, rasant und rücksichtslos zu fahren, Geschwindigkeitsbegrenzungen interessierten ihn nicht. Dass den beiden Kindern auf dem Rücksitz davon speiübel wurde, interessierte ihn genauso wenig. Er sagte, dass er den Ausgleich brauche und die Mutter sagte nichts dazu. Sie, die eigentlich nie den Mund halten konnte, saß an diesen ganz besonderen Sonntagen schweigend auf dem Beifahrersitz und hielt sich verzweifelt am Haltegriff fest. Man fuhr irgendwo hin, egal wohin, Hauptsache es gab einen Landgasthof, wo man günstig essen konnte.
Am Ziel angekommen, machten sie einen kleinen Spaziergang. Genau genommen spazierten sie vom Parkplatz zum Gasthof. Die Mutter nutzte das gemeinsame Essen, um all ihre Vorwürfe noch einmal vorzutragen: Dass der Vater zu viel schlafe und zu wenig arbeite. Dass er sich zu wenig um sein Geschäft kümmere. Der kleine Bruder wollte partout Wiener Schnitzel. Wiener Schnitzel bekam er aber gar nie, weil es den Eltern zu teuer war. Der kleine Bruder wollte dann gar nichts essen, nahm aber ein Eis und spielte für den Rest des Tages die beleidigte Leberwurst. Vom Kampf um das Wiener Schnitzel einmal abgesehen, versuchten der kleine Bruder und sie sich so unsichtbar wie möglich zu machen. Denn an diesen ganz besonderen Sonntagen kam der ewige Konflikt zwischen den Eltern wieder zutage, der darauf beruhte, dass der Vater geerbt hatte, und dass es ganz allein sein Geschäft war. Die Mutter hatte eingeheiratet und nichts zu sagen. Und je weniger die Mutter zu sagen hatte, umso mehr sagte sie.
Ihr selbst war an solchen Sonntagen schlecht. Schlecht von der Fahrweise des Vaters, schlecht vom Essen – sie nahm immer etwas, das nicht so viel kostete, meistens Maultaschen, die sie nicht wirklich mochte – und schlecht von den Auseinandersetzungen der Eltern.
Gottseidank hatte am darauffolgenden Sonntag alles wieder seine Ordnung: Der Vater und der kleine Bruder waren beim Fußball, sie selbst und die Mutter saßen am Kaffeetisch der Großeltern. Sogar die Geschichten über Familienangehörige, die nicht anwesend waren, mochte sie dann.

Dresden 2017