Archiv für den Monat Juli 2020

»Die Mauern stehn sprachlos und kalt«*

Standard

Es war ein ganz normaler Nachmittag an einem ganz normalen Wintertag. Draußen war es kalt und trüb. Ich saß in diesem überheizten, muffigen, schwitzigen Klassenzimmer und war am Einschlafen. Herr Scheidewind, der Erdkundelehrer, sprach über landwirtschaftliche Anbaumethoden in Ländern, die mir unbekannt waren, in die ich ganz bestimmt niemals kommen würde. Mali, Sahelzone, das interessierte mich doch überhaupt nicht. Ich rutschte auf meinem Holzstuhl hin und her, weil die Wollstrumpfhose unter der Levisjeans, die eh ein bisschen eng war, am Hintern juckte. Die raue Oberfläche des alten Stuhls scheuerte durch Wolle und Stoff hindurch und brachte ein bisschen Erleichterung.

Die Stimme von Oberstudienrat Scheidewind war echt einschläfernd. Gleich würde er auf den Lichtschalter an der Tür drücken, das grelle Neonlicht anschalten und genau so monoton weiterreden. Ich wünschte mir, ich könnte mich wegbeamen, raus aus diesem Klassenzimmer. Raus aus dem Schulgebäude. Raus aus der Wollstrumpfhose. Da meine Eltern gleich um die Ecke wohnten und ihre Augen und Ohren überall hatten, durfte ich mich auf jeden Fall nicht in der Stadt herumtreiben. Aber dafür war es eh viel zu kalt.

Sigrid, genannt Siggi, war eine Gleichgesinnte. Es war ein Leichtes, sie in der Fünfminutenpause zur Flucht zu überreden. Überreden war gar nicht nötig, ein „Komm, lass uns unsere Sachen nehmen und gehen“ reichte völlig aus. Wo wir hingehen, was genau wir tun wollten, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Tatsache war, dass das spärliche Taschengeld längst ausgegeben und es draußen ungemütlich kalt war, und dass es bald dunkel werden würde. Denkbar schlechte Voraussetzungen für die weitere Gestaltung des Nachmittags. Ich wohnte in so kurzer Entfernung zur Schule, dass ich morgens vom Bett in die Schulbank fallen konnte. Alles, was nicht so nah lag wie mein Elternhaus, schien mir ideal. Welch ein Glück, dass Siggi von einem Bauernhof stammte, der so weit draußen lag, dass man den Zug nehmen musste.

Siggis Eltern würden bestimmt nichts merken, weil sie mit ihrem Bauernsach beschäftigt waren. Entweder arbeiteten sie auf dem Acker oder im Garten. Gab es Feldarbeit im Winter? Was machte der Bauer in dieser Jahreszeit überhaupt? Wenn es auf dem Feld oder im Garten nichts zu erledigen gab, musste es doch andere Aufgaben geben.

Mein Vater hatte immer zu tun, im Winter zog er ein Angoraunterhemd unter das karierte Flanellhemd, eine lange Unterhose unter die Cordhose, setzte sich eine Wollmütze auf den Kopf und ging auf irgendeine Baustelle.

Gewiss hatten Siggis Eltern im Stall zu tun, bei den Kühen war es warm. Egal, sie konnten tun und lassen, was sie wollten, Hauptsache, sie würden nicht merken, dass wir zu zweit und viel zu früh aus der Schule kamen.

Siggi und ich schlichen aus dem Schulhaus, und als wir außer Sicht waren, fühlten wir uns schon besser. Meine Wollstrumpfhose hatte ich längst vergessen. Gegen die Idee, zu ihr zu fahren, hatte sie nichts einzuwenden. Auf halber Strecke zwischen der Schule, die ein renommiertes Mädchengymnasium war, und dem Bahnhof lag der kleine Park, der Hofgarten hieß. Die Bezeichnung Garten war zutreffender: eine übersichtliche, von einer Mauer umgebene Grünfläche, gesäumt von schmalen Wegen und Blumenrabatten. Jetzt war Winter, es gab keinen grünen Rasen und keine bunten Blumen. Die Wege waren geschippt und der Schnee war kantig zur Seite hin geschoben. Alter, grauer Schnee.

Schnell liefen wir nebeneinander her, schnell, weil wir froren, und weil wir nicht entdeckt werden wollten. Mein Vater war viel mit dem kleinen Lieferwagen unterwegs. Mal war er auf dem Weg zu einem Kunden oder zu einer Baustelle, mal holte er sich eine Brezel vom Bäcker oder die Bildzeitung vom Bahnhofskiosk. Zu Fuß ging mein Vater gar nie.

Wir erreichten die lange Steinmauer, die den Hofgarten umschloss. Die war hoch, man konnte nicht über sie hinüber schauen. Dann kam das große Eisentor, das in den kleinen Park hineinführte. Normalerweise warf man, ohne anzuhalten, ganz automatisch einen Blick durch dieses Tor. Im Sommer winkte man schnell den Freunden zu, die bei gutem Wetter nachmittags mit nacktem Oberkörper auf der Wiese lagen und sich sonnten, Bier tranken oder einen Joint rauchten. Ich war 14, Siggi ein Jahr älter, weil sie schon einmal sitzen geblieben war. Die Typen waren älter und besuchten die benachbarte Oberschule für Jungen, manche waren schon volljährig. In einen von ihnen hatte ich mich verliebt, in den mit den langen blonden Haaren, der so gut Gitarre spielen konnte. Heute hätte ich nicht hineinschauen müssen, denn es war nicht damit zu rechnen, dass sich irgendjemand an diesem ungastlich kalten Ort aufhielt. Aber ich schaute durch das Tor, weil ich immer durch das Tor schaute. Außer weißgrauen Schneebergen gab es da nichts zu sehen. Und hineingehen hätten wir schon gar nicht müssen, aber wir taten es doch.

Irgendetwas zog uns an. Da auf der schneebedeckten Wiese schien etwas anders als sonst, da gab es ein Leuchten. Hatte jemand eine brennende Fackel in den Schnee gesteckt? Dort in diesen Schnee, der gar nicht so unschuldig und weiß glitzerte, wie man immer so schön sagte, sondern eklig grau war. Grau, mit schwarzen Schlieren überzogen und steif gefroren. Es hatte schon seit Tagen nicht mehr geschneit, aber war die ganze Zeit sehr kalt gewesen. Der Himmel hing tief über unseren Köpfen und die Dunkelheit schlich sich ganz langsam heran. Und das Grau der herannahenden Dämmerung vereinnahmte das Grau des alten Schnees und war dabei, das letzte bisschen Tageslicht zu verschlucken. Die Luft war so kalt, dass sich kleine Atemwölkchen vor unseren Mündern bildeten.

Ja, kein Zweifel, da brannte etwas. Ein helles Gelb. Das Flämmchen wurde zur Flamme und langsam immer größer. Und immer größer. Dann lichterloh. War es eine Vogelscheuche, die jemand aus Holzstangen, alten Kleidungsstücken und einer Perücke zusammen gebastelt hatte? So eine lustige Vogelscheuche, die normalerweise Krähen von Feldern und Gärten fernhielt, um Samen und Beeren zu schützen? Doch was hatte eine Vogelscheuche mitten in der Stadt zu suchen? Wozu brauchte man eine Vogelscheuche im Winter? Hatte sich einfach jemand einen Spaß erlaubt? Ich war mir sicher, es musste eine Vogelscheuche sein.

Aber es roch komisch. Mitten im Stadtpark roch es nach Tankstelle. Und nach roter Wurst und nach gegrilltem Schweinebauch. Und nach verbranntem Haar. Als hätte man beim Haaretrocknen eine Strähne ins Gebläse des Föhns gebracht. All diese Gerüche waren nicht sehr intensiv, dafür war es zu kalt. Und das da mitten auf der Schneewiese, diese Fackel, diese Vogelscheuche oder was auch immer das war, schien eine Jeans anzuhaben. Und ich meinte sogar, Haare zu erkennen. Lange, hellbraune Haare.

Mein Gehirn konnte das Gesehene nicht einordnen, nicht übersetzen. Ich starrte wie gebannt, konnte den Blick nicht lösen, aber so sehr ich mich auch konzentrierte, ich erkannte nicht wirklich etwas. Die Übertragung von den Augen zum Gehirn funktionierte nicht mehr. Weil ich nicht wusste, was hier geschah. Weil mir so etwas noch nie passiert war.

Der Mann vom Bahnhofkiosk könnte die Feuerwehr rufen. Der würde das bestimmt tun. „Komm schnell, wir holen die Feuerwehr“, ich rannte los, Siggi sagte nichts und kam hinterher.

Vom Lieferwagen meines Vaters heute keine Spur. Am Bahnhof angekommen, liefen wir am Kiosk vorbei. Gerade kam die Durchsage, der Zug nach Hüttlingen war auf Gleis eins eingefahren, und wir sprangen ohne zu zögern hinein. Siggi besaß eine Schülermonatskarte, Zeit und Geld für eine zweite Fahrkarte hatten wir nicht. Vom Herumstehen im Park war uns sehr kalt geworden, wir zitterten vor Kälte, behielten im überhitzten Zugabteil die Jacken an, rieben uns die Hände. Beide waren wir nun froh über die dicken Wollstrumpfhosen unter den Jeans, die dicken Stiefel und die selbst gestrickten Handschuhe. Meine, es waren nur Daumenhandschuhe, hatte ich unter Anleitung der Großmutter angefertigt, schön waren sie nicht, manche Masche war falsch herum gestrickt, die Farbauswahl orange-grün eher misslungen, aber warm waren sie.

Kaum eingestiegen, waren wir fünfzehn Minuten später schon in Hüttlingen angekommen. Wir schlichen uns ins Haus und in das Kinderzimmer unter dem Dach. Niemand hatte uns kommen sehen. Während der Fahrt und auch jetzt sprachen wir nicht. Wir fanden keine Worte für das, was wir gesehen hatten. Vielleicht, weil wir nicht wirklich etwas gesehen hatten. Vielleicht, weil wir nichts gesehen haben wollten. Wir redeten aber auch nicht über unsere Ahnungen. Die Kälte saß in den Knochen und ließ gar nicht nach. Noch immer saßen wir in unseren Jacken da, Siggi im einzigen Sessel, ich auf ihrem Bett, weil es keine weitere Sitzgelegenheit in dem kleinen Zimmer gab. Ein Kräutertee zum Aufwärmen hätte uns gut getan, ein Keks dazu oder ein Butterbrot. Wir trauten uns aber nicht hinunter in die Küche, weil dort Siggis Mutter womöglich das Abendessen vorbereitete und ihr Vater womöglich am Küchentisch saß und die Zeitung las. Und dann wären Fragen gestellt worden.

Stattdessen holte Siggi eine große Flasche aus dem Kleiderschrank und zwei Zahnputzbecher aus dem Badezimmer nebenan. „Das ist der Whiskey, den ich in fürs Babysitten bekommen habe.“ Es war die Zeit des Kalten Kriegs. In der Stadt gab es amerikanischen Kasernen und die Soldaten wohnten auch hier draußen auf dem Land. Eine riesige Flasche Jim Beam hatten die Amis ihr geschenkt, „one Gallon oder half Gallon, das weiß ich nicht so genau“, sagte Siggi, „aber der kommt direkt aus Amerika, den gibt es nur im PX-Laden“.

Normalerweise tranken wir keinen Alkohol, und wir nahmen keine Drogen, obwohl die uns ohne Weiteres zur Verfügung gestanden hätten. Wir waren jung, wir waren hübsch und hatten die passenden Verehrer, man hätte uns sicherlich nicht nur Whiskey geschenkt. Wir tranken das eklige Zeugs in der Hoffnung, warm zu werden, vielleicht auch in der Hoffnung, getröstet zu werden. Wir konnten gar nicht genug davon bekommen, füllten die Plastikbecher immer wieder. Wir tranken, weil wir nicht sprechen konnten. Wir tranken, um nicht sprechen zu müssen.

Was hätten wir auch sagen sollen: Dass es falsch war zu schwänzen? Dass es nicht richtig war, einfach nur dazustehen und keine Hilfe zu holen? Dass wir uns verraten hätten, wenn wir Hilfe geholt hätten? Dass wir schuld waren, wenn das Feuer nicht gelöscht wurde? Dass es fürs Löschen längst zu spät war? Dass dies die Strafe für uns Tun war? Dass wir künftig nie mehr die Schule schwänzen würden? Sollten wir darüber sprechen, wie traurig wir waren, oder darüber, dass wir komischerweise gar nicht traurig waren? Der Whiskey musste raus, wir hingen nach einander über der Kloschüssel und kotzten uns die Seelen aus dem Leib.

In Siggis Familie hatte sich der Bruder des Vaters in jungen Jahren aufgehängt, ihre Großmutter sprach seither nicht mehr, die anderen sprachen wenig. Ich dagegen wusste noch nichts über den Tod.

Bis heute mag ich keinen Whisky trinken. Noch nicht einmal riechen kann ich ihn. Denn mit dem Geruch kommen die Erinnerungen an jenen unbedeutenden Nachmittag an einem kalten, trüben Tag zurück. An jenen Wintertag, der so schien wie jeder andere, als ich 14 Jahre alt war: der gleichförmige Unterricht, das unbekannte Mali, die klirrende Kälte, die dicke Wollstrumpfhose, der juckende Hintern, das gelbe Licht im schmutzigen Schnee, die brennenden hellen Haare. Der komische Geruch.

Am Tag danach stand in der Zeitung, dass er gerade das Abitur mit einer Eins bestanden hatte. Dass er Thomas hieß und einen Zwillingsbruder zurückließ. Ein junger Mann, der das Leben noch vor sich gehabt hätte, ging mit einem Ersatzkanister zur Tankstelle, kaufte Benzin für vier Mark, übergoss sich im Stadtpark damit, zündete sich an. In einem Park, der eigentlich ein Garten war.

Sein Leben war erloschen, meines hatte er entfacht.

„Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein.“
*

* Aus dem Gedicht „Hälfte des Lebens“ von Friedrich Hölderlin.

Stuttgart, Hospitalviertel