Archiv für den Monat Oktober 2019

Sonntage

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Wenn die Mutter lange genug gemault hatte, »du hast ja nie Zeit für uns, nie machst du etwas mit deinen Kindern«, wenn sie immer weiter machte und davon sprach, dass »die anderen viel mehr schaffen, obwohl die kein Geschäft haben«, wirkte das zwar nicht sofort, aber die Wiederholung dieser Vorwürfe in verschiedenen Varianten ließ den Vater mürbe werden und ihn einsehen, dass er um des Friedens willen einen Sonntag mit Frau und Kindern verbringen sollte. Und da die Mutter nicht zum Fußball wollte, musste der Vater mit zu den Großeltern. Da wurde dann im Kreis der großen Familie Kaffee getrunken und der selbst gebackene Kuchen der Großmutter gegessen. Gerne wurde dabei über Familienangehörige geredet, die nicht anwesend waren. Während man normalerweise fragte »und wie geht es denn dem Hubert?« und »wie laufen denn die Geschäfte?«, immer in der Hoffnung, dass es dem Hubert und auch den Geschäften nicht so gut ging, fragte in seiner Anwesenheit niemand, wie es ihm ging, und auch nach den Geschäften fragte keiner. Überhaupt wurde weniger gesprochen und weniger gefragt, wenn der Vater anwesend war. Das hing auch damit zusammen, dass er selbst nie ein Wort sagte. Er saß stumm auf dem Sofa, trank seine zwei, drei Tassen schwarzer Kaffee, aß seine zwei, drei Stück Kuchen und war in Gedanken weit weg auf dem Fußballplatz.
Ganz selten gab es die, von den Kindern gefürchteten, ganz besonderen Sonntage, das waren die, an denen sie nicht an das andere Ende der Stadt zu den Großeltern fuhren, sondern einen sogenannten Ausflug machten. Ausflug bedeutete, dass man mit dem Auto über Land fuhr. Am allerliebsten saß der Vater auf seinem Motorrad, am Zweitliebsten saß er am Steuer seines Ford Taunus. Er liebte es, rasant und rücksichtslos zu fahren, Geschwindigkeitsbegrenzungen interessierten ihn nicht. Dass den beiden Kindern auf dem Rücksitz davon speiübel wurde, interessierte ihn genauso wenig. Er sagte, dass er den Ausgleich brauche und die Mutter sagte nichts dazu. Sie, die eigentlich nie den Mund halten konnte, saß an diesen ganz besonderen Sonntagen schweigend auf dem Beifahrersitz und hielt sich verzweifelt am Haltegriff fest. Man fuhr irgendwo hin, egal wohin, Hauptsache es gab einen Landgasthof, wo man günstig essen konnte.
Am Ziel angekommen, machten sie einen kleinen Spaziergang. Genau genommen spazierten sie vom Parkplatz zum Gasthof. Die Mutter nutzte das gemeinsame Essen, um all ihre Vorwürfe noch einmal vorzutragen: Dass der Vater zu viel schlafe und zu wenig arbeite. Dass er sich zu wenig um sein Geschäft kümmere. Der kleine Bruder wollte partout Wiener Schnitzel. Wiener Schnitzel bekam er aber gar nie, weil es den Eltern zu teuer war. Der kleine Bruder wollte dann gar nichts essen, nahm aber ein Eis und spielte für den Rest des Tages die beleidigte Leberwurst. Vom Kampf um das Wiener Schnitzel einmal abgesehen, versuchten der kleine Bruder und sie sich so unsichtbar wie möglich zu machen. Denn an diesen ganz besonderen Sonntagen kam der ewige Konflikt zwischen den Eltern wieder zutage, der darauf beruhte, dass der Vater geerbt hatte, und dass es ganz allein sein Geschäft war. Die Mutter hatte eingeheiratet und nichts zu sagen. Und je weniger die Mutter zu sagen hatte, umso mehr sagte sie.
Ihr selbst war an solchen Sonntagen schlecht. Schlecht von der Fahrweise des Vaters, schlecht vom Essen – sie nahm immer etwas, das nicht so viel kostete, meistens Maultaschen, die sie nicht wirklich mochte – und schlecht von den Auseinandersetzungen der Eltern.
Gottseidank hatte am darauffolgenden Sonntag alles wieder seine Ordnung: Der Vater und der kleine Bruder waren beim Fußball, sie selbst und die Mutter saßen am Kaffeetisch der Großeltern. Sogar die Geschichten über Familienangehörige, die nicht anwesend waren, mochte sie dann.

Dresden 2017

Allerheiligen

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Der Höhepunkt im Jahr war nicht ein besonderer Sonntag, sondern ein Feiertag: Allerheiligen. Das war der Tag, an dem die Vier sich ganz schön anzogen, was sie ansonsten eigentlich nie taten. Sie trug dann ein rotes Minikleid, das die Großmutter für sie genäht hatte, eine weiße Wollstrumpfhose und lilafarbene Lackstiefel. Der kleine Bruder im weißen Hemd bekam eine blaue Fliege um den Hals gebunden. Der Vater holte seinen dunklen Anzug, ein gebügeltes Hemd, die gepunktete Krawatte und den blauen Kaschmirmantel mit den goldenen Knöpfen aus dem Schrank. Der Vater, der bei der Arbeit Cordhosen und Karohemden trug und ansonsten lieber in seiner Motorradmontur unterwegs war, war ein schöner Mann mit seiner goldumrandeten Brille. Auch die Mutter sah toll aus in ihrem schmalen dunkelroten Wollmantel mit der großen silbernen Gürtelschnalle. Die langen Haare hatte sie mit einer Schleife im Nacken zusammengebunden. Das war vielleicht der einzige Tag im Jahr, wo sie wie eine echte Familie aussahen. Gemeinsam besuchten sie an diesem Tag das Grab der Großeltern väterlicherseits, die, von denen der Vater Haus und Betrieb geerbt hatte. Da die Mutter ihre Schwiegereltern nicht hatte leiden können – sie war ihnen nie gut genug gewesen, weil sie aus einer einfachen, kinderreichen Familie stammte, während die Großeltern wohlständige Handwerker waren und sich für etwas Besseres hielten – ging sie auch nicht gerne zu deren Grab. Zu dieser Grabstätte, die im einen Jahr vom Vater und im darauffolgenden Jahr von dessen Bruder gepflegt werden musste. Der Vater hat sich nie gekümmert, sodass es zur Pflicht der Mutter wurde. Die war davon überzeugt, dass der Bruder des Vaters in seinem Jahr in Sachen Grabpflege nichts unternahm und tat selbst auch nur das Allernötigste. Im ihrem Jahr ging die Mutter genau drei Mal zum Grab: Im Frühjahr pflanzte sie Stiefmütterchen, im Herbst Erika und an Allerheiligen gingen sie alle gemeinsam hin, um alles zu begutachten. Die Mutter gab so viel Geld aus wie nötig und verteilte die wenigen Pflanzen so großflächig wie möglich. Die Eltern des Vaters hatte sie nicht gemocht, ihr Grab aber hasste sie. Und es war wie ein Fluch, dass dieses Grab von Jahr zu Jahr immer größer wurde, weil die Wegplatten, die das Grab einfassten, immer weiter nach außen wanderten. Für die sich vergrößernde Fläche brauchte es alle zwei Jahre immer noch mehr Pflanzen, um die Grabstätte auch nur annähernd gefüllt und gepflegt aussehen zu lassen. Einmal hatte die Mutter die glänzende Idee, in einen kriechenden Efeu zu investieren. Sie kaufte diesen Efeu in der Hoffnung, dass er das Grab so überwuchern möge, dass man sich künftig jegliche Bepflanzung sparen könnte. Der Gedanke, dass auch der Schwager davon profitieren würde, machte ihr zu schaffen. Er profitierte nie, weil die Hoffnung nicht in Erfüllung ging: Der Efeu blieb mickrig, was die Mutter dann darauf zurückführte, dass die Gegenseite ihren kriechenden Efeu bekämpfte oder ihn zumindest nicht ausreichend goss.
Irgendwann gingen sie an Allerheiligen nur noch jedes zweite Jahr zum Friedhof, in dem Jahr, in dem sie zuständig waren. Im Jahr dazwischen wurde der Feiertag zum besonderen Sonntag. Da kein Motocrossrennen stattfand, kam der Vater freiwillig mit zum Kaffee mit der Verwandtschaft. Und weil die Großmutter gerne unter den alten Bäumen auf dem Friedhof – der sich im Übrigen auf der anderen Seite der Straße befand – spazieren ging, wusste sie über die Tektonik des Grabes, den kriechenden oder besser: nichtkriechenden Efeu und das Tun des Bruders des Vaters bestens Bescheid.
Und man sprach, wie gesagt, am Kaffeetisch am liebsten über Abwesende.

Würde ich über meine Wienreise schreiben wollen

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Vier Tage Wien im Oktober 2019

Würde ich über meine Wienreise schreiben wollen, würde ich am Anfang und mit der Hinreise anfangen. Nichts Besonderes. Der Zug hat Verspätung und obwohl man für die Plätze bezahlt hat, fährt man rückwärts. Wie macht die Deutsche Bundesbahn das nur? Hohe Preise für Fahrten über den deutschen Feiertag plus Reservierungsgebühr und dann Rückwärtsfahren, die ganze Strecke. Und der Zug ist voll. Am Ende tut einem der Steiß weh von der ganzen Sitzerei auf durchgesessenen Sitzen. Wie gesagt: Nichts Besonderes.
Am späten Abend noch schnell ins Gasthaus Mader gegenüber. Ein Rindsgulasch mit einem Riesenmonsterknödel, 10 Euro und eine Halbe Bier zu drei fünfzig. Satt und zufrieden, ganz was Besonderes.
Schlecht geschlafen in der ersten Nacht. Könnte am Monsterknödel gelegen haben, der schwer im Magen lag. Oder am Gulasch. Oder an der Matratze, die irgendwie bergab geht. Ständig rutscht man von außen in die Mitte der Matratze, arbeitet sich wieder zurück und rutscht gleich wieder. Die Wohnung eines Fotografen, ein Männerhaushalt, wenig durchdacht, nicht besonders sauber, aber durch und durch stylisch. Spärlich wenige Möbel, natürlich Vintage, zwei große Topfpflanzen, die ihre Daseinsberechtigung suchen. Überall in Wien sieht man sie, hinter den Fenstern von Wohnungen, hinter den Fenstern von Gasthäusern: große Topfpflanzen, gerne Gummibäume, die mit welken Blättern um ihr Überleben kämpfen. Auf den Möbeln des Fotografen ansonsten nichts.
Zur Albertina. Dürer und Arnulf Rainer. Kein durchkommen. An der Kasse Hunderte. Die Vorstellung, dass vor dem Hasen genau so viele stehen, lässt verzweifeln und kehrtmachen. Dann Literaturmuseum. Brille vergessen. Nochmals kehrtmachen. Auf der Kärntner Straße keine Ersatzbrillen, dafür Damen mit hohen Absätzen und Louis Vuitton Einkaufstüten. Beim Shopping fotografieren sie sich gegenseitig. Ab ins Netz, damit es auch die anderen erfahren: über die Kärntner gestöckelt und viel Geld ausgegeben.
Am Abend ins Schauspielhaus. Das Freiexemplar abholen. Ich bin drin. Drin in diesem Heftchen, das sich Zeitschrift nennt. Schule für Dichtung hört sich großartig an. Ullmaier, einen deutschen Literaturwissenschaftler, hat man sich für den Eröffnungsvortrag geholt. Er spricht über Wut, macht das gut. Die Sargnagel eine coole Sau, liest Kofler, liest ihn aber nicht gut. Will eigentlich gar keine Literatur von Männern lesen, sagt sie. Sie ist Mitglied in der Burschenschaft Hysteria. Und Werner Kofler ist nun mal ein Mann. Berüchtigt für seine Beschimpfungen. Dann die Band Gewalt aus Berlin. Laute Musik, brachial, ein selbstverliebter Musiker mit zwei Frauen, eine Bassistin links, eine Gitarristin rechts. Seine Musikerinnen kommen und gehen, gerade ist es eine Bassistin aus Wien; er bleibt. Umgekehrt wäre es mir lieber. Mir ist es zu laut, ich gehe raus. Die Sargnagel auch.
Am zweiten Abend Lydia Haider. Eine Frau, die schreiben kann. Eine Frau, die lesen kann. Die liest, was sie selbst geschrieben hat. Freche, geradezu unverschämte Worte. Eine Schimpftirade, immer schneller, immer lauter. Gerade so möchte ich schreiben können. Gerade so möchte ich mich trauen. Laut sein. Mutig sein. Die Arschlöcher beim Namen nennen. Großartig.

Oskar Wiener liest, seinen Stock neben sich

Der Höhepunkt des Abends aber ist Oswald Wiener. Ein sehr alter sehr grantiger Mann. Er liest aus seinem Buch »Die Verbesserung von Mitteleuropa« von 1969. Und er weiß selbst nicht, warum er es tut. So sagt er. Liegt dieses Leben und dieses Buch doch arg lange zurück. Er beschreibt da ein Theaterstück, benennt die Mitwirkenden – immerhin 35 Schauspieler – genau und beschreibt, was diese zu tun haben. Sie sollen schimpfen, beschimpfen, beleidigen, treten und schlagen. Politiker – es sind österreichische, ich kenne sie nicht – und Kulturschaffende (darunter Roy Black, Udo Jürgens, Peter Alexander), die man kennt, aber auch viele österreichische Künstler, die man nicht kennt oder nicht mehr kennt. Auch er nennt die Arschlöcher beim Namen. Nur dieses Mal sind es die »Trotteln« aus einer vergangenen Zeit. Wiener kommt, er geht an einem Stock und setzt sich an den kleinen Tisch, auf den er am Ende völlig unerwartet mit seinem Stock draufhaut. Liest und geht. Für Gespräche hat er nichts übrig, nichts mehr übrig. Zeitverschwendung, seine Zeit ist endlich, das sieht man. Selbst dem Chef der Schule für Dichtung, Fritz Ostermayer heißt der und ist auch nicht der Jüngste, den müsste er eigentlich kennen, Wiener Crème de la Crème, gibt er weder vorher noch nachher die Chance, eine Frage zu stellen. Von den Wichtigen ist hier eh immer und immer wieder die Rede: vom schimpfenden Kofler, vom verkommenen Doderer, vom bösen Brinkmann (immerhin ein Deutscher). Den Kofler habe ich 1980 einmal gelesen. Ida H. Ich musste das Buch suchen, aber es ist noch da und steht mit vielen Unterstreichungen hinten in meinem Regal. Die anderen kenne ich nicht. Tot sind sie alle.
Würde ich über Wien schreiben wollen, würde ich sagen: Wien ist nicht meine Lieblingsstadt. Obwohl die Straßen Wiens voller Gründerzeithäuser beeindruckend sind. Obwohl man sich auch im Haus des Fotografen bereits beim Eintreten in einer anderen Welt angekommen fühlt. Als würde man ein Schloss betreten. Groß, hoch und licht. Böden aus Stein, geflieste Wände, Jugendstillampen. Eine opulente Pracht in einem ganz normalen Wohnhaus in der ganz normalen Alberichgasse im 15. Bezirk.

Fliesen im Eingangsfoyer
Lampe auf der Etage

Ich würde über die Würstel-, Pizza- und Kebabbuden schreiben, die es an jeder, ja wirklich jeder, Haltestelle gibt. An jeder Haltestelle auch Menschen, die Essensreste aus den Abfalleimern kratzen. Pizzaränder, Dönerreste, wohl bekomm’s.
An der Tramhaltestelle Ring, Volkstheater ein Mann, der tagsüber in seinem Rollstuhl sitzt und raucht, eine Zigarette nach der anderen. Ein großer schwarzer Koffer steht neben ihm. Er scheint zu warten. Denselben Mann sieht man nachts auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf dem Asphalt liegen, seinen Rollstuhl und den großen schwarzen Koffer ordentlich neben sich aufgereiht. Wie er dort hinüber kommt? Ob er wirklich schläft oder auf das Ende der Nacht wartet? Um wieder herüber zu kommen?
Würde ich über meine Wienreise schreiben wollen, müsste ich auch über den Himmel schreiben. Der war grau. Und über den Wind von Ost, der war heftig. Und über die Armen mit zwei Hosen übereinander, aber ohne Strümpfe und mit zu großen Schuhen. Und über die Durchgeknallten, denen man wünschen würde, dass sie ein warmes Zimmer im Otto-Wagner-Spital beziehen. Und über die Drogensüchtigen, die auf der Straße herumliegen. Und über all die Konsumsüchtigen, die die Einkaufsstraßen rauf- und runterpilgern, rauf und runter. Der 3. Oktober ist Womansday, 20 Prozent auf alles.

Otto-Wagner-Spital (Klinik am Steinhof)


Und über den Besuch auf dem Gelände des Otto-Wagner-Spitals. Mit dem Bus 48a fährt man da hin, eine Stunde fast dauert es. Ein riesengroßes parkähnliches Areal mit einer unwirklichen Aneinanderreihung von Jugendstil-Gebäuden. Es gibt Wintergärten und Balkone mit schmiedeisernen Balustraden, die an das Lungensanatorium in Thomas Mann’s Zauberberg erinnern. Ganz oben auf dem Berg die Kirche zum Heiligen Leopold. Sie blinkt und blitzt mit einer riesigen Kuppel aus Gold. Riesige Engel mit goldenen Flügeln bewachen den Eingang. Soll das bedeutendste sakrale Bauwerk des Jugendstils sein. Und das Hauptwerk des Wiener Architekten Wagner. Von den Chinesen, die schnell die Kirche rundum abfotografieren und ein paar Sonntagsflaneuren abgesehen, weit und breit kein Mensch. Vielleicht bleiben die Durchgeknallten doch lieber in der Innenstadt, wollen keine Patienten dieser psychiatrischen Klinik weit draußen sein.
Würde ich über meine Wienreise schreiben wollen, würde ich auch über das Ende derselben schreiben. Über Schweinsbraten mit Riesensemmelknödel und eine Halbe Bier. Und über diese unendliche Rückfahrt mit der Deutschen Bundesbahn, viel Verspätung, verpasste Züge, Türen, die sich nicht öffnen lassen, Durchsagen, die nicht kommen. Und nicht zu vergessen: Rückwärtsfahren inklusive.
Ich weiß noch nicht, ob ich über meine Wienreise schreiben will.
Der Himmel ist auch in Stuttgart grau.