Allerheiligen

Standard

Der Höhepunkt im Jahr war nicht ein besonderer Sonntag, sondern ein Feiertag: Allerheiligen. Das war der Tag, an dem die Vier sich ganz schön anzogen, was sie ansonsten eigentlich nie taten. Sie trug dann ein rotes Minikleid, das die Großmutter für sie genäht hatte, eine weiße Wollstrumpfhose und lilafarbene Lackstiefel. Der kleine Bruder im weißen Hemd bekam eine blaue Fliege um den Hals gebunden. Der Vater holte seinen dunklen Anzug, ein gebügeltes Hemd, die gepunktete Krawatte und den blauen Kaschmirmantel mit den goldenen Knöpfen aus dem Schrank. Der Vater, der bei der Arbeit Cordhosen und Karohemden trug und ansonsten lieber in seiner Motorradmontur unterwegs war, war ein schöner Mann mit seiner goldumrandeten Brille. Auch die Mutter sah toll aus in ihrem schmalen dunkelroten Wollmantel mit der großen silbernen Gürtelschnalle. Die langen Haare hatte sie mit einer Schleife im Nacken zusammengebunden. Das war vielleicht der einzige Tag im Jahr, wo sie wie eine echte Familie aussahen. Gemeinsam besuchten sie an diesem Tag das Grab der Großeltern väterlicherseits, die, von denen der Vater Haus und Betrieb geerbt hatte. Da die Mutter ihre Schwiegereltern nicht hatte leiden können – sie war ihnen nie gut genug gewesen, weil sie aus einer einfachen, kinderreichen Familie stammte, während die Großeltern wohlständige Handwerker waren und sich für etwas Besseres hielten – ging sie auch nicht gerne zu deren Grab. Zu dieser Grabstätte, die im einen Jahr vom Vater und im darauffolgenden Jahr von dessen Bruder gepflegt werden musste. Der Vater hat sich nie gekümmert, sodass es zur Pflicht der Mutter wurde. Die war davon überzeugt, dass der Bruder des Vaters in seinem Jahr in Sachen Grabpflege nichts unternahm und tat selbst auch nur das Allernötigste. Im ihrem Jahr ging die Mutter genau drei Mal zum Grab: Im Frühjahr pflanzte sie Stiefmütterchen, im Herbst Erika und an Allerheiligen gingen sie alle gemeinsam hin, um alles zu begutachten. Die Mutter gab so viel Geld aus wie nötig und verteilte die wenigen Pflanzen so großflächig wie möglich. Die Eltern des Vaters hatte sie nicht gemocht, ihr Grab aber hasste sie. Und es war wie ein Fluch, dass dieses Grab von Jahr zu Jahr immer größer wurde, weil die Wegplatten, die das Grab einfassten, immer weiter nach außen wanderten. Für die sich vergrößernde Fläche brauchte es alle zwei Jahre immer noch mehr Pflanzen, um die Grabstätte auch nur annähernd gefüllt und gepflegt aussehen zu lassen. Einmal hatte die Mutter die glänzende Idee, in einen kriechenden Efeu zu investieren. Sie kaufte diesen Efeu in der Hoffnung, dass er das Grab so überwuchern möge, dass man sich künftig jegliche Bepflanzung sparen könnte. Der Gedanke, dass auch der Schwager davon profitieren würde, machte ihr zu schaffen. Er profitierte nie, weil die Hoffnung nicht in Erfüllung ging: Der Efeu blieb mickrig, was die Mutter dann darauf zurückführte, dass die Gegenseite ihren kriechenden Efeu bekämpfte oder ihn zumindest nicht ausreichend goss.
Irgendwann gingen sie an Allerheiligen nur noch jedes zweite Jahr zum Friedhof, in dem Jahr, in dem sie zuständig waren. Im Jahr dazwischen wurde der Feiertag zum besonderen Sonntag. Da kein Motocrossrennen stattfand, kam der Vater freiwillig mit zum Kaffee mit der Verwandtschaft. Und weil die Großmutter gerne unter den alten Bäumen auf dem Friedhof – der sich im Übrigen auf der anderen Seite der Straße befand – spazieren ging, wusste sie über die Tektonik des Grabes, den kriechenden oder besser: nichtkriechenden Efeu und das Tun des Bruders des Vaters bestens Bescheid.
Und man sprach, wie gesagt, am Kaffeetisch am liebsten über Abwesende.

Stuttgart 2016

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s