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Das Gartenhaus

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Er hatte ein Loch in der Stirn. Man erzählte sich, dass er zu Fuß den langen Weg von Russland bis nach Hause gelaufen sei. Vielleicht war er auch im Güterwaggon gekommen. Von ihm selbst hat man es nicht erfahren. Nie erzählte er irgendetwas. Nie erfuhr man, ob auf ihn geschossen worden war. Nie, ob er getötet hatte. Geschweige denn, ob er Angst gehabt oder geweint hatte. Und wie war das Loch in seine Stirn gekommen? Ich durfte nicht fragen.

Nur aus den Erzählungen der Mutter wusste ich, dass der Großvater erst lange nach Ende des Krieges nach Hause gekommen war, völlig abgemagert in einem viel zu großen, schwarzen Ledermantel. Und mit dieser vernarbten Delle in der hohen Stirn.

Die beiden Brüder der Mutter kamen noch kurz vor dem Krieg auf die Welt, die Mutter selbst und eine Schwester waren im Heimaturlaub gezeugt und in Abwesenheit des Vaters geboren worden. Nach seiner Rückkehr machte der Großvater weitere Kinder, zwei Töchter und einen Sohn, so dass es insgesamt sieben waren. Eigentlich acht, aber eines ist bald nach der Geburt gestorben.

Er, der vor dem Krieg an einem Werktisch saß und Goldschmuck anfertigte und reparierte, arbeitete nach dem Krieg mit Hacke und Schaufel. Und auch diese Stelle beim städtischen Straßenbau hatte der Großvater nur bekommen, weil seine Familie kinderreich war.

Der Großvater bewirtschaftete einen Garten, den er von der Stadt gepachtet hatte. Er pflanzte Kartoffeln, Bohnen, Krautköpfe, gelbe Rüben, rote Beete, Kräuter und zu meinem großen Glück Erdbeeren an. Und es gab Apfel-, Zwetschgen- und Birnbäume. Und einen Quittenbaum. Dieser Garten hieß nicht Garten wie die Fläche hinter dem Haus, wo Salat, Beerensträuche und Blumen wuchsen. Er hieß »Gütle« und war ein paar Hundert Meter vom Haus entfernt und gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erreichen. Auch die Großmutter hätte dorthin radeln können, hat aber gar nie einen Fuß in diesen Garten gesetzt.

Da im Gütle gab es ein kleines gemauertes Haus. Es war drinnen mit Bildern aus der Praline und der Neuen Revue tapeziert. Frauen mit großen Busen, deren Brustwarzen nach oben zeigten, mit strahlend blauen Augen und langen blonden Haaren. Diese Frauen waren oben herum nackt, unten herum nur mit einem knappen Schlüpfer bekleidet.

Der Großvater hatte sie aus den Heften heraus gerissen, die er sich regelmäßig an der Tankstelle, ein paar Meter die Straße runter, holte. Solche Frauen gab es in meiner Familie nicht. Die Tanten und die Mutter waren braunhaarig und hatten kleine Brüste, die Großmutter war klein und füllig.

Obwohl ich die Lieblingsillustrierten des Großvaters, von denen die aktuellsten immer auf dem Couchtisch im Wohnzimmer auslagen, anschauen durfte, durfte ich das Gartenhaus nie betreten. Niemand außer ihm selbst ging da hinein. Er selbst aber verschwand darin und kam stundenlang nicht mehr heraus. Manchmal stellte ich mich auf die Zehenspitzen und schaute durch das kleine Fenster hinein. Viel konnte man nicht erkennen, denn die Scheiben waren schmutzig und voller Spinnweben.

Ein Tisch, ein Stuhl, eine leere Bierflasche, viele nackte Frauen.

Und er selbst saß am Tisch und hatte den Kopf auf die Tischplatte gelegt.

Busenheftle: Neue Revue Nr. 4/1970