Wut (eins)

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Sie sitzt alleine an einem kleinen Tisch in einem großen Saal. Ein Füller, ein Blatt mit Fragen und ein Stapel weißer Bögen liegen vor ihr. In aller Ruhe liest sie die Fragen. Erst wird ihr heiß, dann wird ihr kalt. Mit beiden Händen hält sie sich am Tisch fest. Blut pumpt durch die Schläfen, das Gesicht wird rot, der Gaumen trocken. Sie nimmt den Stift, will schreiben, muss schreiben. Nur dafür ist sie hergekommen.


Gleich wird ihr etwas einfallen. Gleich wird sie auf ihr Wissen stoßen, gleich wird der Geistesblitz da sein. Sie schwitzt nicht, nein, die Hände sind gar nicht feucht, regelrecht kalt ist ihr an diesem Sommertag. Das Gehirn ist ein Klumpen. Falls es in diesem Kopf je einen klugen Gedanken gegeben hat: Er ist weg. Da müssten drei Fragen zu drei Themen stehen, tatsächlich sind es drei Fragen zu zwei Themen. Er hat sich anders entschieden. Das Thema, auf das sie gelernt hat, fehlt. Fehlt.


Schuster, bleib bei deinem Leisten: Warum um Himmels willen hatte sie studieren wollen? Nach der Vorstellung der Eltern wäre sie Ehefrau und Mutter geworden. In den Augen des Professors taugte sie, die Tochter des Schreiners, nicht für die Uni. Taugte nicht.


Dem Professor den Hund vergiften. Dem Professor die Reifen seines Autos aufschlitzen. Ihn auf dem Zebrastreifen vor dem Institut überfahren. Oder ihm – Zack! – den Schwanz abschneiden, diesem elitären, frauenverachtenden Geschichtsverdreher. Diesem vertrockneten Bücherwurm. Diesem verstaubten.


Wenn sie sich nur fortwünschen, wenn sie sich wie die Jeannie wegbeamen könnte, weg von diesem Tisch, weg von diesem bedrohlichen Berg leerer, weißer Blätter. Leer und weiß.


Dann schreibt sie doch. Und steckt den Stift in seine Hülle, nimmt ihre Tasche, steht auf und geht zum Tisch der Prüfungsaufsicht. Sie gibt einen Bogen ab, ein Blatt Papier mit dem Briefkopf des Seminars für Neuere Geschichte. Darunter steht nun ihr Name.

Und darunter steht: Hund vergiften. Reifen aufschlitzen. Umnieten. Zebrastreifen. Schwanz ab. Zack!

Ausschnitt aus „Die ekstatische Jungfrau Anna Katharina Emmerick“ von Gabriel von Max, 1885
(gesehen und fotografiert in der Kunsthalle Mannheim)

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