Die Großmutter

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Die Grossmutter roch immer gut. Ihre teigige helle Haut, die dünnen grauen Haare und die rosige Kopfhaut rochen werktags nach Gemüsesuppe und Bratensauce, an Samstagen nach Hefekuchen. Alles machte sie selbst. In ihrer kleinen Küche, in die eigentlich nur sie alleine hineinpasste. Für weitere Personen war da kein Platz. Der Gasherd, die große Gefriertruhe, der Holztisch mit dem einzelnen Stuhl und die steinerne große Spüle standen so nah beieinander, dass sie selbst mit ihrem dicken Leib kaum dazwischen passte. Unter dem Spülbecken verbarg ein Vorhang all die Schüsseln, Eimer und Töpfe, die sie für ihre Tätigkeiten brauchte. Der Schrank auf dem engen Flur beherbergte das Alltagsgeschirr, die Schrankwand im Wohnzimmer das Geschirr für Sonn- und Feiertage. An Freitagen roch die Großmutter nach Süßspeisen und ausgekochter Wäsche. Die Großmutter wusch bis zuletzt ihre Wäsche in großen Schüsseln, die auf der Spüle in der Küche standen. Wie ein Ringer knetete und schlug sie die Wäschestücke, mit Schweiß auf der Stirn, ärmellos schwitzend in einer Küchenschürze. Die Weißwäsche, das waren Leintücher, Kopfkissen- und Bettüberzüge und die überdimensionierten Damenunterhosen der Großmutter und die Männerunterhosen des Großvaters, kochte sie in großen Aluminiumtöpfen auf dem Gasherd und drehte und wendete sie mit einem Rührlöffel aus Holz. Das dampfte und roch nach Waschpulver. Diese schweren Töpfe musste sie zum Spülbecken hiefen, dann mußten auch diese großen Stücke gespült und ausgerungen werden. 
Ihre Haut war hell. Ihre Haut war hell, weil sie das Haus nur selten verlies. Im großen Garten hinter dem Haus hatte sie nichts verloren, das war das Reich des Großvaters. Ein, zwei Mal in der Woche aber schob die Großmutter ihr Fahrrad zum Barsch. Sie stieg nie auf das Fahrrad, vielleicht, weil ihre Beine zu kurz waren, oder weil sie das Fahrrad immer als Transportmittel für ihre schweren Einkaufstaschen benutzte. Vielleicht hätte sie mit der Last der vollen Taschen das Gleichgewicht nicht halten können. In jeder Woche ein, zwei Mal also ging sie zum Barsch. Salat, Gemüse und Obst kamen aus dem Garten. Die Großmutter musste alles dazu kaufen, was der Garten nicht hergab. Der Barsch war ein Edeka-Laden, zumindest stand außen an der Fassade in großer gelber Leuchtschrift „Edeka Barsch“ geschrieben. Herr Barsch war ein kleiner, dicker Mann im weißen Kittel und mit goldgerandeter Brille, der mit viel zu hoher Stimme sprach. Sie war unangenehm und servil, seine Stimme. Alle sagten, der Barsch, die Betonung lag immer auf dem Sch, sei nicht seriös. Immer gab es den Verdacht, dass der Barsch einem zu viel und das Zuviel zu teuer verkaufte. Stand er hinter der Wursttheke, er war eigentlich immer und überall zugleich in seinem Laden, wurde gar nicht erst gefragt „darf’s ein bisschen mehr sein“, es war einfach immer ein bisschen mehr. Und meist überredete der Barsch die Großmutter noch, die eine oder andere Wurstsorte auszuprobieren, die er neu im Programm hatte, oder von der er wusste, dass sie sie noch nicht kannte. Obwohl die Großmutter ganz genau wusste, dass der Großvater niemals etwas essen würde, was er nicht kannte, nach dem Motto „was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“, machte sie immer wieder den gleichen Fehler, sich auf das Experiment einzulassen. Zuhause schloss sie dann die Küchentür und steckte sich die zuviel gekauften Wurstscheiben heimlich in den Mund. „Ich esse Wurst am Liebsten ohne Brot“, sagte sie immer. Das ware ihre Art, Diät zu halten. Der Großvater dagegen saß am Esszimmertisch und aß mit Hochgenuss eigentlich immer dasselbe: Blut- oder Leberwurst mit Gürkchen oder ausnahmsweise mit Radieschen und ein, zwei Scheiben Brot, „genetztes Brot“ musste es sein.
War beim Barsch irgendetwas im Angebot, so mutmaßte man, dass er etwas abverkaufen müsse, was er davor nicht losbekommen hatte oder ansonsten niemals losbekommen würde. War es ein schlechter Tag, bekam sie ein Softeis. Obwohl der Eisautomat großen Eindruck auf sie machte, schmeckte das Eis mehr nach Wasser als nach Vanille. Der Barsch, der dann nicht mehr hinter der Wursttheke stand, sondern hinter dem Eisautomat, ließ das Eis höchstpersönlich in die Waffel laufen und holte so auch aus dem Softeis das Maximale heraus. Andere Läden in der Nähe gab es nicht, außerdem war die Großmutter genügsam und machte sich über den Barsch und seinen Laden weniger Gedanken als alle anderen. Ihr tat es einfach gut, dass man freundlich zu ihr war. War es ein guter Tag, war die Großmutter nicht auf die Freundlichkeiten vom Barsch hereingefallen und hatte keine Wurst zusätzlich gekauft, oder war etwas im Angebot, das sie eh brauchte, blieb also vom Haushaltsgeld etwas übrig, dann bekam sie ein Mohrle. Ein großes Vanilleeis am Stiel mit einem dünnen Überzug aus dunkler Schokolade. Dieses Eis wurde außer Haus gefertigt und eingetütet und der Barsch hatte keinerlei Einfluß auf Menge, Beschaffenheit und Preis. Einem Mohrle konnte auch die Großmutter nicht widerstehen, und so standen sie dann zu zweit vor dem Laden und schleckten voller Lust, bevor die Großmutter das Rad voller schwerer Taschen wieder nach Hause schob. Und in ihrer Küche verschwand.

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