Vienna calling

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Wien. Sie fahren nach Wien. Wann und wie oft ist sie schon in der österreichischen Hauptstadt gewesen? Sie sucht nach Erinnerungen. Bruchstückhaft kommen die zurück. Es muss drei Male gewesen sein. Ja, drei Mal in ihrem Leben war sie bislang da.

Als Kind.
Sie muss sechs, sieben Jahre alt gewesen sein, war noch kein Schulkind. Ihre Eltern, die nie mit ihr in den Urlaub fuhren, weil sie hierfür weder Geld noch Zeit hatten, und weil sie nicht wussten, wie man sich erholt, und weil sie sich für Fremdes erst gar nicht interessierten. Wenn sie doch einmal weggefahren sind – sie meinte, sich zu erinnern, dass sie einmal nach Kärnten gefahren sind -, nahmen sie nur den kleinen Bruder mit. Angeblich, weil sie ihnen immer das Auto vollkotzte. Und ein schickes, sauberes Auto war mit das Wichtigste für den Vater. Selbst wenn die Familie gerade wenig Geld hatte, ein neues Auto stand fast immer vor dem Haus. Irgendwann ist die Mutter auf die Idee gekommen, den kleinen Bruder und sie für wenig Geld alleine in die Ferien zu schicken. Über dieses Projekt hatte sie wahrscheinlich nicht allzu viel nachgedacht, sonst hätte sie die beiden Kinder vielleicht gemeinsam verschickt. Denn so hieß das damals: Verschickung. Es hat sich wohl niemand viele Gedanken gemacht, oder aber man dachte, der Kleine kann nicht so weit reisen, die Große schon. Für den kleinen Bruder wurde bei der Arbeiterwohlfahrt ein Ferienlager in Böblingen gebucht, für sie selbst ein Ferienlager bei Wien. Was sie mit der AWO zu tun hatten, die ja eigentlich eine Organisation für ärmere Arbeiterkinder war, weiß sie bis heute nicht. An den Aufenthalt kann sie sich für ihre Verhältnisse (sie kann sich an vieles aus ihrer Kindheit nicht mehr erinnern) ziemlich gut erinnern. Sie hatte sehr großes Heimweh und konnte das Essen nicht vertragen. Warum sie so großes Heimweh hatte, weiß sie nicht. Zuhause war es nicht schön. Es war auch niemand da, der sich gekümmert hätte, gerade in den Ferien mussten sie sich selber beschäftigen. Da gab es kein Ferienprogramm. Die Eltern mussten arbeiten, der kleine Bruder und sie wurden aufgefordert, mitzuhelfen oder in den Hof hinauszugehen. Auch zuhause war das Essen, das die Mutter kochte, eher bescheiden. Und doch war das Essen im Ferienlager viel schrecklicher, sie konnte es nicht vertragen: Alles war fettig, zu fettig. Sie wurde von den Aufsichtspersonen zum Essen gezwungen und konnte nichts bei sich behalten. Sie kann sich bis heute an den Geruch des Kaiserschmarrens erinnern, der vor Fett triefte und mit Roten Beten serviert wurde. Wenn sie sich übergeben musste, wurde sie zur Strafe aufs Zimmer geschickt. Viele Stunden hat sie da mit großem Heimweh und vielen Tränen im Bett verbracht. Auf einen Brief von daheim hat sie gewartet, auf eine Postkarte, einen Anruf. Zuhause war so eine Klingel außen ans Haus montiert, die laut klingelte, wenn das Telefon drinnen läutete. Dort im Heim gab es auf dem Hof genau so eine Klingel mit demselben Klingelton. Jedes Mal, wenn sie diesen hörte, war sie voller Hoffnung, dass es endlich die Mutter sein würde. Die Mutter hat natürlich nicht angerufen, schon gar nicht geschrieben. Und über ihren Zustand wurde keine Meldung gemacht. Ein Mal sind sie zum Stephansdom gefahren. Sie glaubt, die Stufen zur Turmspitze hinauf gestiegen zu sein. Für die Mutter hat sie eine Anstecknadel gekauft, auf der der Dom abgebildet war. Heute hat sie im Internet recherchiert und versucht, dieses Ferienheim wiederzufinden. Es ist ihr nicht gelungen. Unter Arbeiterwohlfahrt und Wien findet sich nichts. Und 1966 oder 1967 ist arg lang her.

Als Tochter.
Mit der Mutter ist sie einmal nach Berlin, einmal nach Rom und einmal nach Wien gefahren. Jeweils mit einer Gruppe von Behinderten. In welchem Jahr sie nach Wien gefahren sind, weiß sie nicht mehr. Es könnte Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger gewesen sein, kurz vor oder kurz nach dem Abitur. Was sie dort gemacht haben, erinnert sie ebenso wenig. In einem großen, teuren Hotel wohnten sie. Es lag an einer vielspurigen Straße, dem Ring. Sie konnte schlecht schlafen, weil sie mit der Mutter ein Doppelbett teilen musste, und weil das Zimmer auf die Straße hinaus ging. Für sie, die sie jung und ein Landei war, war dies alles sehr gewöhnungsbedürftig. Bestimmt haben sie viele Dinge angeschaut: Die Schlösser, den Prunk, den Wurstelprater, das Riesenrad, vielleicht auch noch einmal den Stephansdom. Sie weiß es aber nicht, hat keine Erinnerung, keine Bilder.

Als junge Studentin.
Blumenstr. 73/12 in Hernals. Nach langem Suchen hat sie sie heute wiedergefunden, die Adresse von Eva. In einem alten Kalender von 1986. Anfang der 80er Jahre ist sie mit Studienkolleginnen nach Wien zu einem Kongress gefahren. Sie durfte im VW-Bus mit Tübinger Lesben dorthin fahren, obwohl die sie, die Heterofrau, gar nicht mochten. Denn ja, sie goss ihren Garten nicht mit Menstruationsblut. Denn nein, sie liebte keine Frauen. Und überhaupt: Sie hatte keinen Garten. Mitfahren durfte sie nur, weil sie eine Studienkollegin von Miriam und Evelin war, die quasi für sie bürgten. An den Kongress selbst kann sie sich einfach nicht mehr erinnern. Auch dazu musste sie einen halben Nachmittag im Internet recherchieren, bis sie schließlich den richtigen Hinweis gefunden hat: Es war das 5. Historikerinnentreffen im April 1984 zum Thema „Die ungeschriebene Geschichte“. Übernachtet hat sie bei Eva, die sie von der Tübinger Uni kannte, wo diese ein paar Gastsemester lang studiert hatte. Eva bewohnte eine kleine Wohnung für sich alleine in einem großen Gebäude, typischer Wiener Sozialwohnungsbau, die Toilette draußen auf dem Flur. Ein Badezimmer gab es nicht. Eine andere Welt und so fremd wie das Hotel beim letzten Aufenthalt. Sie weiß noch, dass sie auf dem Sofa geschlafen hat. Eva hat ihr immer gut gefallen: Als eine große Frau mit Haaren, die nach oben wuchsen, hat sie sie in Erinnerung. Später, als sie selbst nicht mehr in Tübingen wohnte, ist sie sie einmal besuchen gekommen. Das muss ein, zwei Jahre später gewesen sein. Eva brachte einen Mann mit, einen Architekten, dessen allergrößte Freude es war, tote Tiere zu fotografieren. Am liebsten mochte er tote Vögel. Überfahrene Vögel. Sie mochte diesen Mann nicht und hat ihre Abneiung, das Nichtmögen auch gezeigt. Das war wohl taktisch nicht so geschickt, denn danach hat sie nichts mehr von Eva gehört. Noch ein einziges Mal, Jahre später, telefonierten sie miteinander, als Eva ihr Adressbuch auf den neusten Stand brachte. Da erzählte ihr Eva, dass sie jetzt beim Magazin Wiener arbeiten würde. Sie sicherten sich gegenseitig zu, dass sie Kontakt halten wollten. Es ist nichts daraus entstanden: Sie hatten sich verloren. Heute hat sie auch Eva im Internet wiedergefunden. Weil sie zu Fuß auf einem Pilgerweg, dem historischen Frankenweg, nach Rom gegangen ist und ihre Erfahrungen aufgeschrieben und zu einem Buch gemacht hat. Laut Klappentext lebt und arbeitet sie in Rom. Und sie ist jetzt Eva A. Auf dem Klappenfoto hat sie Eva zuerst nicht erkannt, dann aber meinte sie doch, Züge ihres Gesichtes wiederzuerkennen. Sie sah jetzt anders, älter aus. Sie trug eine schrecklich bunte Bluse, die sie damals niemals getragen hätte. Ja, Eva sah nicht mehr so aus wie damals. Sie hatte wenig Ähnlichkeit mit der großen, stolzen und stylishen Eva von damals. Kein Wunder, schließlich waren fast dreißig Jahre vergangen. Wer weiß, was sie alles erlebt hatte. Aber warum um Himmels willen war sie nach Rom gelaufen? Und warum trug sie diese Bluse? Schön wäre, ihr in Wien zu begegnen und ihr diese und andere Fragen zu stellen.

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